Warendorf (fn-press). Wenn sich am zweiten Juli-Wochenende Reiterinnen und Reiter, Fahrsportler, Voltigierer und Züchter zum Bundes-Pferdefestival auf dem Gelände der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (Fédération Equestre National, FN) in Warendorf treffen, werden sich wohl nur die Älteren an die stürmische Entwicklung erinnern, die der Breitensport vor knapp 40 Jahren nahm. Im Jubiläumsjahr ihres 100. Geburtstags rückt die Deutsche Reiterliche Vereinigung den „Zukunftsmarkt” Freizeit- und Breitensport verstärkt ins Zentrum ihrer Aktivitäten.
Ein Blick zurück: Verstand sich die FN bis Ende der 60er Jahre als Interessenvertretung der Turniersportler und Pferdezüchter, so leitete der junge Dr. Hanno Dohn (Bad Honnef) mit seiner Dissertation ein Umdenken ein. Der spätere Geschäftsführer des Rheinischen Landesverbandes der Reit- und Fahrvereine bewies in seiner Doktorarbeit, dass nur die allerwenigsten Pferdesportler Turnierreiter sind beziehungsweise sein wollen. Der studierte Landwirt wertete 1970 eine Umfrage unter Vereinsmitgliedern aus. Die Ergebnisse überraschten über alle Maßen:
Nur rund fünf Prozent aller Reiter starteten fünfmal und öfter pro Jahr auf Turnieren. Lediglich diese kleine Gruppe könne man als Leistungssportler bezeichnen, so Dohn. Alle anderen Reiter maßen sich gar nicht im Wettbewerb oder nahmen höchstens zwei-, dreimal an kleineren Turnieren benachbarter Reitvereine teil. Auf diese für viele unerwarteten Erkenntnisse musste die FN reagieren. In den frühen 70er Jahren wurden die Voraussetzungen geschaffen, den Turniersport und den Breitensport als gleichwertige Säulen innerhalb der Abteilung Sport zu gewichten, mit Sitz im Vorstand, einer Abteilung und eigenem Ausschuss.
Das siebte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wird zu Recht als die „Goldenen 70er” bezeichnet. Hatte sich schon zum Ende der 60er Jahre ein vermehrtes Interesse der Bevölkerung am Reitsport angedeutet, so erreichte der Sport in den 70er Jahren derart hohe Zuwachsraten in allen Bereichen, wie sie selbst Optimisten nicht für möglich gehalten hatten. Dies hatte mehrere Gründe. Die entbehrungsreichen Jahre des Wiederaufbaus nach dem Krieg waren längst vorbei, die Wirtschaft florierte, weiten Teilen der Bevölkerung ging es materiell recht gut. Deutlich kürzere Arbeitszeiten und damit mehr Freizeit trugen ihren Teil dazu bei, dass sich Menschen aller Altersklassen neue (sportliche) Hobbys zulegten. So registrierten in dieser Zeit nahezu alle Sportverbände enorme Zuwachsraten.
Die Mitgliederzahl in den Reitvereinen nahm in der ersten Hälfte der 70er Jahre um jährlich rund zehn Prozent zu und pendelte sich in der zweiten Hälfte bei etwa fünf Prozent Wachstumsrate ein. Waren 1970 196.076 Vereinsmitglieder registriert, wurde 1980 mit 466.618 mehr als das Doppelte erreicht. Dies sind nur die Zahlen der offiziell über ihre Vereine bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und beim Deutschen Sportbund registrierten Mitglieder. Daneben gab es die große Gruppe der nicht vereinsgebundenen Reiter. Sie dürfte mindestens genauso groß gewesen sein, wenn nicht gar größer. So lässt sich ohne Übertreibung schätzen, dass zum Ende der 70er Jahre über eine Million Menschen dem Pferdesport verbunden war.
Bei aller Freude über die allgemeine Entwicklung traten zugleich die Schattenseiten des schnellen Wachstums zutage, denn auf diesen Ansturm war der Reitsport nicht vorbereitet. Naturgemäß waren die vielen Neueinsteiger in den Pferdesport Anfänger oder wenig Fortgeschrittene, die nicht nur gute Reitlehrer, sondern auch geeignete Pferde brauchten. Viele von ihnen kamen aus der Großstadt, waren den Umgang mit Pferden nicht gewohnt und hatten entsprechend wenig Verständnis für die Bedürfnisse ihres Sport- und Freizeitpartners.
Auch das Reiten in der freien Natur wurde zunehmend problematisch. Die stark expandierende mechanisierte Landwirtschaft nutzte jede Ackerfläche optimal aus, das schwere landwirtschaftliche Gerät erforderte asphaltierte Feldwege. Die natürlichen Reitmöglichkeiten auf unbefestigten Wegen und auf Ackerrandstreifen wurden immer stärker eingeschränkt. In naturnahen Gebieten in und am Rande der Ballungszentren waren Konflikte mit erholungssuchenden Spaziergängern und Radfahrern programmiert. Ausgewiesene Reitwege gab es nur vereinzelt. Hinzu kamen sich verschärfende Spannungen zwischen Reitern auf der einen und Förstern und Jägern auf der anderen Seite. Es dauerte nicht lange, bis die Bundesregierung mit einer Ände-rung des Bundeswaldgesetzes reagierte. Das drohende generelle Reitverbot in Natur- und Landschaft außerhalb ausgewiesener Reitwege und -flächen konnte die Deutsche Reiterliche Vereinigung in mühsamen und langwierigen Gesprächen mit den beteiligten Ministerien gerade noch abwenden. Nach zähem Ringen wurde letztlich ein Bundeswaldgesetz verabschiedet, das dem Reitsport gute Entfaltungsmöglichkeiten bot. Das Reiten war ab 1975 auf allen Wegen erlaubt, die nicht ausdrücklich gesperrt waren. Diese großzügige Regelung galt jedoch nicht in allen Bundesländern, da die Länder das Bundesgesetz mit eigenen Waldgesetzen ihren jeweiligen Gegebenheiten anpassen konnten.
Industrie, Handel, Gewerbe und Dienstleistung fiel es nicht leicht, mit der steigenden Nachfrage der Reiter in Freizeit- und Breitensport Schritt zu halten und geeignete Produkte anzubieten. So erzielte ein Futtermittelhersteller mit einem neuartigen „Alleinfuttermittel” (Pellets) für Pferde zwar zunächst gute Verkaufsergebnisse, aber leider löste dieses Futter eine enorme Kolikwelle aus. Auch überschwemmten Anbieter den Markt mit billigem, schlecht verarbeitetem, minderwertigem Leder und sonstigem Reitzubehör. Reißende Sattelgurte, Steigbügelriemen und Zügel oder aufbrechende Schnallen stellten ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Unwissenheit prägte auch den Sektor des Stall- und Reithallenbaus. Vielerorts entstanden neue Reitanlagen, die arbeitstechnisch nicht durchdacht waren und – schlimmer noch – die Pferde schlechten Haltungsbedingungen aussetzten. Falsche Boxenmaße, ungeschickte Raumaufteilung oder fehlende Lüftungssysteme erforderten später zum Teil erhebliche Umbaumaßnahmen. Zwar dachte die FN nicht über Gütesiegel nach, gründete aber mit zahlreichen Herstellern in den 70er Jahren die drei Arbeitskreise Futter und Fütterungstechnik, Stall- und Reitanlagenbau und Ausrüstung, in denen Qualitätsstandards erarbeitet wurden.
Das wohl größte Problem in den Wachstumsjahren war der Mangel an qualifizierten Ausbildern. Niemand bestritt, dass sich der Freizeit-/Breitensport wie auch der Turniersport nur dann gut entwickeln können, wenn die Ausbildung der Lehrkräfte an der Basis vorangetrieben wird. Viele der noch in der Kavallerie geschulten Trainer lebten nicht mehr, das Interesse junger Leute, den Reitlehrerberuf auszuüben, hielt sich in Grenzen. An der Deutschen Reitschule in Warendorf absolvierten 1975 lediglich 27 junge Leute ihre Prüfung zum Berufsreitlehrer.
Bis heute ist das Ausbildungsproblem nicht zufriedenstellend gelöst. Ob für Freizeit- und Breitensportler oder für Turnierreiter – gute Ausbildung des Reiters ist nicht nur ursächlich für das Wohlergehen des Pferdes verantwortlich, sondern entscheidet auch erheblich über Freude und Frust, Erfolg und Misserfolg. Wie groß das Bedürfnis nach Unterricht und Schulung ist, macht die im Jubiläumsjahr gestartete FN-Ausbildungsinitiative „Besser reiten” eindrucksvoll deutlich. Rund 6.000 Interessierte strömten zu den 15 Veranstaltungen, die innerhalb der letzten drei Monate in allen Landesteilen abgehalten wurden.
Entsprechend Raum für das fachliche „Know How” bietet daher auch das Bundes-Pferdefestival: versierte Fachleute liefern kurzweilige, lebendige Vorträge und praxisnahe Hilfestellung bei Problemen, mit denen sich so mancher Reiter immer wieder konfrontiert sieht. In den Fachforen gibt es wertvolle Tipps, wie beispielsweise das Verladen unwilliger Pferde auf den Hänger besser gelingt oder wie ein bestimmtes Problem in der Ausbildung gelöst werden kann. Spaß, Sport und Information – diese Mischung ist gleichsam Motto des Bundes-Pferdefestivals, dass damit ein aktuelles Spiegelbild des Freizeit- und Breitensports wiedergibt.
Ausschreibungen und Informationen gibt es bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, Annette von Hartmann, Abteilung Breitensport, Freiherr-von-Langen-Straße 13, 48231 Warendorf, Telefon 02581/6262-282 oder E-Mail ahartmann@fn-dokr.de sowie bei den Landesverbänden oder im Internet unter
www.bundespferdefestival.de.
Quelle:
FN