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Die Sonne steht tief. Der Schatten der Tannen fällt schräg auf die Koppel, die sich an einem leicht abfallenden Hang befindet. Es ist eine Kulisse wie aus "Brokeback Mountain" oder "Der mit dem Wolf tanzt". Einsam, melancholisch, weit. Ein hellbrauner Wallach streckt seinen Kopf über den Holzzaun und blickt auf den Reitplatz. Hinter der Weide türmen sich Berge und Wälder auf, und ein wolkenloser Himmel ist zu sehen.
Hufe drücken sich in den grauen Sand ein, hinterlassen Abdrücke und ackern die Fläche des Reitplatzes um. Drei Reiter befinden im Viereck, vier Pferde und ein Cowboy. Der Mann sitzt auf seinem Pinto, einem weiß-braun gescheckten Tier, und lehnt sich im Sattel zurück. Er ist ruhig. Er weiß, was er tut.
Mike Bridges ist Meister seines Faches. 80.000 Kilometer hat er auf dem Pferd zurückgelegt, und er weiß, dass es dabei nicht bleiben wird. Seine Hand umfasst den Knauf des Westernsattels, der aus dunklem Leder ist, und dessen Seite silberne Metallbeschläge zieren. Die Ärmel seines roten Hemdes sind hoch gekrempelt und zeigen seine gebräunten Arme. Er hat einen weiten Weg hinter sich, ist von seiner Heimat USA in den Schweizer Kanton Graubünden gereist, um hier, wie jedes Jahr, eine Woche auf der Ranch "
San Jon" zu verbringen. Hier gibt er Kurse in
"Seeking Refinement", in denen die Verfeinerung der Hilfengebung des Reiters für sein Pferd trainiert wird, um eine
bessere Kommunikation zwischen Tier und Mensch herzustellen. Die Kurse sind beliebt, und die wenigen Plätze schnell vergeben.
Men Juon lehnt am Zaun und schaut der Unterrichtsstunde zu. Er ist der Besitzer des Hofes, der drei Kilometer vom Ferienort Scuol entfernt liegt. Er wuchs in Sent auf, einem kleinen Nachbardorf, verbrachte aber schon als Kind die meiste Zeit hier auf dem Hof, der damals noch seinen Eltern gehörte. Seine Liebe zu Pferden entdeckte er spät, erst als er 25 war, und doch ist es eine Bande, die Bestand hat, und sein Leben bestimmt. Er übernahm den Betrieb mit 20, doch stellte er schnell fest, dass die landwirtschaftliche Situation nicht gut genug war, als dass man allein davon hätte leben können. Als sein Vater sich seinen Lebenstraum erfüllte, und sich ein Pferd kaufte, als er in Pension ging, wusste Men, was sein
zweites Standbein sein würde.
Es machte ‚Klick’ und war Liebe auf den ersten Ritt. Er schlug dem Tourismus-Verband eine Zusammenarbeit vor und mietete Pferde an. Das Projekt verlief erfolgreich, und so wurden es Jahr für Jahr mehr Pferde und weniger Kühe auf dem Hof. Heute besitzt er 40 Pferde, in der Hauptsaison im Sommer sind es bis zu 80, wenn er noch einige dazumietet oder Urlauber ihre eigenen Tiere mitbringen. Er rückt sich seine Brille zurecht, deren Gläser sich durch das Licht dunkel getönt haben, und beobachtet die Reiter weiter.
Mike Bridges trabt zu einem Jungen im Cowboykostüm, Lederchaps, Hut und einem roten Halstuch. Er ist Schüler von Anne Kunz, der Reittherapeutin am Hof. „How’r ya doin?“ fragt Mike ihn. Der Junge lächelt schüchtern. Anne Kunz steht neben ihm und hält das Therapiepferd ‚Pumpy’ am Zügel. „Wie fühlt es sich an, wenn du den Pumpy putzt?“ will sie von ihm wissen. „Gut“, flüstert der Junge und vergräbt seine Fingen in dem dichten Fell, das in der Sonne glänzt und unter dem Druck der Hand nachgibt. Er lehnt seinen Kopf an den Hals des Pferdes, berührt ihn mit seiner Wange und saugt den Duft des Tieres ein. Anne Kunz kann sich auf ihren Partner, das Pferd, verlassen.
Nicht sie, sondern das Tier ist der Therapeut, geht auf die Bedürfnisse des Patienten ein und lässt diesen für eine kurze Zeit vergessen, dass er anders ist als all die anderen Kinder ohne körperliche oder geistige Behinderung.
Men Juon ist stolz auf das, was sein Hof bietet. Neben Ausritten in der Gegend und Trekkingtouren gibt es Übungen zur Bodenarbeit, Feldenkrais-Workshops, Freiheitsdressur und Outdoorseminare. Sie alle verbindet der
Grundgedanke, eine Einheit zwischen Mensch und Tier herzustellen. Und diese Harmonie zu stärken, sieht der Rancher als Selbstverständlichkeit an. Hier vergisst man schnell die gängige Meinung, dass der Mensch dem Pferd aufgrund all seiner Dienste in Schlachten, in der Landwirtschaft oder beim Jagen, ewig dankbar sein muss. Wenn man Men bei der Arbeit mit den Tieren zusieht, wirkt er glücklich und zufrieden darüber, hier auf seiner Ranch einen Beitrag zur höheren Wertschätzung der Vierbeiner zu leisten.
Er dreht sich vom Sandplatz ab und geht zum Haupthaus, das nur wenige Meter vom Reitplatz entfernt ist. Der Kies knirscht unter seinen Schritten. ‚Horses for Rent’ steht über der Bürotür, im Saloon hängt ein braunes Kuhfell an der Wand. Der Saloon ist das Wohlfühlzentrum des Hofes, an dem alle nach einem langen Tag im Sattel zusammenkommmen. Seine Partnerin Brigitte steht in der Küche, holt mit einem Topflappen einen Nudelauflauf aus dem Ofen, der dampft, als sie die Tür öffnet, und trägt zwei Teller an den Küchentisch. Eine Schüssel mit gemischtem Salat steht bereits dort, daneben eine Karaffe mit frisch gepresstem Apfelsaft. Der Blick durch das Fenster zeigt den Reitplatz, und dahinter die Berge und den Horizont.
Sie lacht Men an und sagt mit leiser, ruhiger Stimme, dass die anderen gleich da sind. Dabei leuchten ihre Augen und Grübchen zeigen sich an ihren roten Wangen. Die anderen, das sind Mens Eltern und die Reitlehrerin Esther, die Teil dieser Familie geworden ist. Sie essen immer zusammen, und wie sie so beisammen sitzen, im Gespräch oder auch einfach nur still aus dem Fenster blicken und den Pferden zusehen, spürt man,
dass auch die Tiere dazugehören. Dass sie das Bindeglied sind, nicht nur zwischen Brigitte, Men und Esther, sondern auch zwischen den Hofbesitzern und den bis zu 200 Gästen, die im Sommer hierher kommen. Dass es um das Miteinander geht, das weiß auch die Reitlehrerin Esther, die jetzt nach dem Salat greift und sich das weiße Joghurtdressing darauf träufelt. Sie lacht hell auf, als sie eine Ziege vor der Tür stehen sieht und unterhält sich mit Men über den Betrieb und über ihre Erfahrungen. Manchmal aber erzählt Esther einfach nur von sich und ihrem Pferd. „Jeden Morgen frage ich mein Pferd: Hast du Lust auszureiten oder nicht. Und wenn es Nein sagt, gehen wir trotzdem!“ Wieder lacht sie und streicht sich das blonde Haar aus dem Gesicht. Sie weiß um die
Faszination der Tiere. Sie weiß um den
Stolz und die
Anmut, und sie weiß, dass nicht jeder es schaffen kann, eine fließende Linie zwischen Reiter und Pferd, zwischen Spüren und Handeln zu schaffen.
„Dann, wenn das Pferd schon reagiert, bevor ich Hilfen gebe, wenn es das umsetzt, was ich bloß denke, dann bin ich eins mit ihm“, erklärt sie, wobei sie ihre Stimme senkt, ganz so, als wäre es eine
seltene Gabe, die zu leicht verloren geht.
Aber sie muss nicht flüstern. Denn es ist eine seltene Gabe. Es ist eine
gegenseitige Hingabe, ein Zuhören, ein Hinspüren, ein aufeinander Einlassen, für das in vielen Reitbetrieben keine Zeit bleibt. Hier aber, in den Höhen Scuols, in dieser Bergwelt, in der keine Autos fahren, in denen es nachts so ruhig ist, dass man sich als Stadtmensch unweigerlich wundern muss, dass solch eine Stille möglich ist, hier gibt es auch
Zeit. Vor allem wenn Men Stadtmenschen verabschiedet, und weiß, dass diese eine
Beziehung zur Natur hergestellt haben, ist er glücklich. Eine solche erreichte Bindung trägt über vieles hinweg, über den Alltag, über die Hektik. Und sie entfacht eine Sehnsucht, immer wieder diese
Ruhe spüren zu wollen.
Am späten Nachmittag treiben die Stallarbeiter und Men die Pferde von der Koppel zurück in den Außenstall. „Hey, hey!“ ruft Esther und läuft den Tieren nach, damit sie durch das Gatter traben. Die Hufe klappern auf dem Stück Beton, das sich zwischen Koppel und Stall befindet. Ein Schimmel bleibt vor dem Zaun stehen, dreht seinen Hals nach links und ist unbeeindruckt von seinen Kollegen, die an ihm vorbei laufen. Hier kommt Hund Merlin zum Einsatz. Der Mischling läuft her, bellt und springt an dem Schimmel hoch, bis dieser sich zum Stall bewegt. Sind die Tiere versorgt, kann es dunkel werden, und der Tag geht zu Ende. Hungrig und müde finden sich noch einmal alle im Saloon zum Abendessen ein. Die Sonne geht hier früh hinter den Bergen unter. Die Tiere ruhen. Und auch die Menschen ziehen sich zurück. Was sich Men, Brigitte, Esther, Mike Bridges und all die Urlauber denken? Wären wir Pferde, vielleicht wüssten wir es.
Daniela Otto
Unterkunft
Doppelzimmer mit Frühstück: CHF 62,- (Hochsaison) / CHF 52,- (Nebensaison)
Angebote
Ausritt 1 Stunde: CHF 35,- (Erwachsene) / CHF 30,- (Kinder)
Halbtagestrecking: CHF 80,-
Tagestrecking: CHF 95,-
Seeking Refinement: CHF 380,-
(1 Schweizer Franken entspricht ca. 0,6194 Euro)
Weitere Informationen unter:
Reitstall und Saloon
San Jon
CH-7550 Scuol
Engadin/GR
Tel.: +41 (0) 81 864 10 62
Fax: +41 (0) 81 864 15 67
www.sanjon.ch
info@sanjon.ch
oder
Graubünden Ferien
www.graubuenden.ch
contact@graubuenden.ch
Tel.: +41 (0) 81 254 24 24
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