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 Leseprobe
Rhiann - Nebel über den Highlands
Datum der Nachricht: 30.06.2007
Ein ausführliches Porträt über die Highlandponys findet Ihr hier!

Und hier geht es zum zweiten Buch über Mara und ihr Pony, natürlich auch von Aileen P. Roberts!

Rhiann - Nebel über den Highlands
von Aileen P. Roberts



Hier ein kleiner Auszug aus dem Buch:

Mara ritt am Sonntagvormittag über die eingeschneiten Hügel hinter der Farm der MacKinnons. Die Schafe konnte man im schneebedeckten Heidekraut kaum erkennen, nur ein gelegentliches »Bääh« machte auf sie aufmerksam.
Der Himmel war wieder strahlend blau und das ganze Land glitzerte. Wenn der Wind aufhörte, war es richtig warm in der Sonne. Mara war total begeistert. Plötzlich tauchte hinter einem Hügel ein alter, weißhaariger Mann mit grauem Umhang und Stock auf. Er wurde von zwei Bordercollies begleitet. Diese schwarz-weißen Hunde wurden hier häufig für das Hüten der Schafe verwendet.

Das ist doch wieder der Schäfer, dachte Mara mit einem Schaudern. Doch diesmal verschwand er nicht wieder plötzlich, sondern ging auf sie zu. Sie grüßte höflich und wollte schnell weiter reiten. Doch der Schäfer sprach sie mit einer rauchig und geheimnisvoll klingenden Stimme an. »Du bist Mara?!« Das klang eher wie eine Feststellung, als wie eine Frage.

Sie nickte und zog sich den Schal über die Nase. Der Wind hatte wieder aufgefrischt. »Kehr lieber um, das Wetter ändert sich!«, sagte er und blickte zu den entfernten Bergen. Mara folgte seinem Blick. Das sah doch aus wie schon den ganzen Tag! Sie versicherte trotzdem, dass sie nach Hause reiten würde und trieb Mary an. Als sie sich ein paar Meter weiter umdreht, war der alte Mann verschwunden, Mara bekam eine Gänsehaut. Da Mara das Wetter und die Landschaft so toll fand, machte sie noch einen kleinen Umweg zum Meer. Die Warnung des Schäfers hatte sie sowieso nicht ernstgenommen. Nach einer Weile verdunkelte sich der Himmel. Der Wind wurde immer stärker und von den Bergen war nichts mehr zu sehen, da sie auf einmal hinter einer dichten Wolkenwand verschwunden waren. Mara senkte den Kopf zum Schutz gegen den peitschenden, eisigen Wind. Sie konnte kaum noch atmen, so heftig waren die Sturmböen. Mara stieg ab und kämpfte sich mit Mary gegen den Sturm in Richtung der Farm der MacKinnons. Immer wieder mussten sie anhalten und sich gegen den Wind stellen, um überhaupt noch atmen zu können. Der eigentlich kurze Weg vom Strand zur Farm schien eine Ewigkeit zu dauern. Schließlich kamen sie völlig erschöpft und durchnässt an. Die beiden alten Leute standen mit besorgten Gesichtern in der Tür.

Mr. MacKinnon kam herausgerannt und rief gegen den Sturm: »Los, schnell rein mit dir!« »Nein, ich muss noch Mary versorgen!«, sagte Mara undeutlich. Sie bekam kaum noch den Mund auf, so eingefroren war ihr Gesicht. »Reingehen, das erledige ich!«, befahl Mr. MacKinnon und nahm ihr die Zügel aus der Hand. Granny Kate stand mit einem Handtuch bereit und gab der zitternden Mara eine Tasse dampfenden Tee in die Hand. Dann holte sie eine alte Hose und einen Pullover von ihrem Mann, das sollte Mara anziehen. Natürlich war alles viel zu weit und zu lang, aber zumindest trocken. Mr. MacKinnon kam tropfend herein.

»Pah, so ein Wetter, hat aber auch keiner voraussehen können, so schön wie es heute Früh war!«, schnaubte er. »Doch!«, meinte Mara. Die beiden alten Leute schauten sie verdutzt an. Sie erzählte von ihrer Begegnung mit dem Schäfer. »Oh, Hamish ist wieder in der Gegend!«, sagte Mr. MacKinnon erfreut und ein Lächeln breitete sich auf seinem faltigen Gesicht aus. »Auf den kann man sich verlassen, da kannst du jeden Wetterbericht vergessen!« Mr. MacKinnon ging aus dem Zimmer, um sich etwas Trockenes anzuziehen. »Na, da wird ja wieder der Whisky in Strömen fließen!«, sagte Granny Kate und blickte leicht missbilligend hinter ihrem Mann her. Dann erzählte die alte Frau Mara, dass Hamish Wanderschäfer und der beste Freund ihres Mannes sei. »Er ist irgendwie ein komischer Kauz, taucht mal hier, mal dort auf, und verschwindet dann wieder ein Jahr. Keiner weiß, wo er eigentlich her ist, oder wie alt er ist! Aber eigentlich mag ich ihn ganz gerne«, gab sie zu. »Ich finde ihn irgendwie unheimlich!«, sagte Mara, die inzwischen wieder einigermaßen aufgetaut war.

»Na ja, die Leute erzählen sich merkwürdige Geschichten über ihn. Manche sagen, er sei ein Nachfahre der alten Druiden und er könne in die Zukunft blicken und so ein Zeug!«, sagte Mrs. MacKinnon mit leichtem Zweifel in der Stimme, dann lächelte sie verschmitzt. »Allerdings, wenn er mit Rodry im Wohnzimmer sitzt und Whisky bechert, dann ist gar nichts Magisches mehr an ihm. Letztes Jahr hatte er am nächsten Tag so einen Kater, dass er kaum noch seine Schafe gefunden hat!« Mara musste lachen, auch Mr. MacKinnon hatte den Rest des Satzes gehört und zündete, vor sich hinlachend, seine Pfeife an. Schließlich fuhr er Mara nach Hause, die ihre Hose festhalten musste, damit sie nicht herunterfiel. Mara beeilte sich ins Haus zu kommen, es regnete jetzt in Strömen. Leslie bekam einen Lachanfall, als sie Mara sah.

»Du siehst ja aus, wie eine Vogelscheuche!«, gluckste sie. Die Kinder hüpften um Mara herum und schrieen: »Vogelscheuche, Vogelscheuche!« Mara breitete die Arme aus, wobei sie fast schon wieder die Hose verlor, und jagte die wild kreischenden Kinder durchs ganze Haus. Es regnete einige Tage und bald war der Schnee weggeschmolzen. Doch zwei Tage vor Heiligabend besserte sich das Wetter und es wurde trocken und kalt. Mara machte kurze Ausritte und half Leslie bei den Weihnachtsvorbereitungen. Ein großes Packet war von Maras Eltern gekommen. Dean, der Postie, hatte ganz schön geschnauft, als er es hereinschleppte. Außerdem hatte sie noch ein kleines Päckchen von Nadja und einen Brief von Julia bekommen. Mara wollte es erst am Heiligen Abend aufmachen. Irgendwie fand sie es schon komisch, Weihnachten nicht bei ihrer Familie zu verbringen. Doch auf der anderen Seite fühlte sie sich hier in Schottland so wohl, wie noch nie in ihrem Leben, wenn sie ehrlich mit sich selbst war.

Am Morgen des Heiligen Abend ging Mara noch rasch zu Mary und Heather und brachte ihnen einen Eimer mit Brot und Karotten. Es hatte in der Nacht leicht geschneit und die fernen Berge des Assynt waren mit Schnee bedeckt. Mr. MacKinnon kam aus dem Haus und sagte überrascht: »Oh, du bist ja sogar heute da. Dann können wir dir ja gleich dein Geschenk geben!« Er verschwand wieder im Haus, kurze Zeit später kam er mit seiner Frau und einem Päckchen zurück. »Vielen, vielen Dank, das wäre doch nicht nötig gewesen! Ich bin doch so froh, dass ich bei Ihnen reiten darf!«, bedankte sich Mara verlegen. »Du bist uns eine große Hilfe!«, sagte Mr. MacKinnon und die beiden alten Leute lächelten sie warm an.

Zurück bei den Murrays empfing sie eine ziemlich entnervte Leslie und sagte, Mara solle die ›wee rascals‹ aus dem Weg räumen, sonst würde sie noch durchdrehen. So nahm Mara die beiden in Brians Kinderzimmer mit und las ihnen aus Leslies neuestem Kinderbuch vor, das von einem Wichtel und einem Elfenmädchen handelte. Die Kinder lauschten fasziniert. John kam gegen 15 Uhr mit einem großen Weichnachtsbaum herein, der von der ganzen Familie geschmückt wurde. Anschließend liefen sie im schwächer werdenden Licht zur Kirche am anderen Ende des Dorfes. Ein fast voller Mond leuchtete hinter den Bergen des Assynt hervor und die Hügel waren mit Raureif bedeckt. Es war eine mystische, feierliche Stimmung, als sie durch die Nacht liefen. Von hier und da kamen Leute, die auch auf dem Weg zur Kirche waren und sich gedämpft »Merry Christmas« zuriefen. Nach der Kirche gab es für die Erwachsenen einen Schluck Whisky, für die Kinder einen Becher Tee. Danach machten sich wieder alle auf den Heimweg durch die kalte Nacht. Selbst Mara, die in Deutschland nie gerne in die Kirche gegangen war, war irgendwie feierlich zumute. Nach dem Abendessen durften die aufgeregten Kinder endlich ihre Geschenke auspacken. Maras Eltern hatten ein Fresspaket geschickt »Damit du nicht verhungerst«, stand auf der Karte.

Sie war froh, dass hier niemand Deutsch verstand, wäre doch zu peinlich gewesen, falls sie die Karte gelesen hätten! Nadja hatte ihr einen knallbunten Schal und ein figurbetontes, dunkelgrünes Shirt geschickt. Von den MacKinnons hatte sie ein Paar selbst gestrickte, dicke Socken und mit Schafswolle gefütterte Reithandschuhe bekommen. Von Leslie und John bekam sie einen dicken Schafspulli und eine wind- und wasserdichte Winterjacke geschenkt. »Wir konnten gar nicht mehr mitansehen, wie du jedes Mal durchgefroren vom Reiten gekommen bist«, sagte John. Sie unterhielten sich und aßen Plätzchen, während die Kinder ihre neuen Spielsachen ausprobierten. Gegen 21 Uhr klingelte das Telefon. Leslie hob ab, dann hörte Mara sie verwundert antworten: »Sorry, here is no Dorsssie?!« Das sollte wohl ›Dörthe‹ heißen, Mara spurtete hinaus in den Gang.

»Das ist für mich!« Mara streckte die Hand aus und Leslie übergab ihr verdutzt den Hörer. Maras Mutter war dran und überschüttete sie mit Fragen. Mara kam kaum zu Wort. Nachdem sie mindestens zum zehnten Mal versichert hatte, dass es ihr gut ginge, redete sie noch kurz mit ihrem Vater, Markus und Diana. Dann legte sie seufzend auf. Das ist ja anstrengender, als den ganzen Tag Englisch zu sprechen, dachte sie. Im Wohnzimmer klärte sie John und Leslie über ihren ersten Vornamen auf, sie hatte im Anmeldeformular nur ›Mara‹ angegeben. Als schließlich alle im Bett waren, erinnerte sich Mara an den Brief von Julia, schlich leise ins Wohnzimmer und wieder zurück in ihr Bett. Julia schrieb, dass sie jetzt einen Freund – Karsten aus ihrer Klasse habe. Der halbe Brief handelte von ihm! Außerdem hatte sie ein Foto von Maras Pony mitgeschickt. »Ruby sieht jetzt aus wie ein dicker Plüschbär!«, hatte sie geschrieben. Mara konnte ihr nur zustimmen. Seufzend schob sie das Foto zusammen mit dem, welches sie mitgebracht hatte, zurück in ihr Buch. Ihr Pony vermisste sie schon sehr. Am nächsten Tag fuhren die Murrays zu den Großeltern nach Ullapool. Mara wollte lieber hier bleiben und Ausritte machen. Das freundliche Winterwetter hielt an.

Mara war jetzt dank der neuen, winterfesten Kleidung bestens ausgerüstet und genoss warm eingepackt ihre Ritte. Am zweiten Weihnachtstag kam Mr. MacKinnon, als Mara gerade ausreiten wollte, mit einem laut blökenden Schaf auf dem Arm von der Weide. Blut tropfte vom Bein des Schafes herunter. »Ich muss den Tierarzt anrufen, kannst du kurz aufpassen?«, fragte er heftig schnaufend. Mara nickte, sattelte in Windeseile Heather wieder ab und brachte sie zurück zur Koppel. Dann ging sie in die Scheune, wo das Schaf im Stroh lag und mitleiderregend blökte. Granny Kate kam herein und erzählte, dass das Schaf ein Lamm vom letzten Frühjahr war und sich in einem Stacheldraht verfangen hätte. Mara streichelte das kleine Schaf und redete beruhigend auf das Tier ein. Eine Stunde später kam der Tierarzt, ein kleiner rundlicher Mann um die fünfzig mit Halbglatze, angehetzt. Dr. MacGregor schimpfte leise vor sich hin, dass so etwas immer am Feiertag passieren müsse, verband dann aber ruhig und sorgfältig das Bein des Schafs und gab ihm eine Spritze. Mr. MacKinnon begleitete ihn zum Auto. »Ich brauche endlich eine Hilfe, oder einen zweiten Tierarzt in der Gegend, so geht das nicht weiter. Jeden Tag bin ich von Früh bis Nachts auf den Beinen!«, sagte Dr. MacGregor mit verzweifeltem Gesichtsausdruck. Mr. MacKinnon lud ihn zu einem Whisky ein, den der Tierarzt dann doch nicht ausschlug. So viel Zeit musste sein!

Mara besuchte jetzt, wenn sie zu den Pferden kam, auch das kleine Schaf, das sie Lisa genannt hatte und fütterte es. Inzwischen konnte es schon wieder auftreten und würde bald wieder auf die Weide kommen. Leslie und John waren auch wieder aus Ullapool zurückgekehrt. Jetzt tobten Winterstürme über das Land und das Meer schäumte in hohen Wellen, an Ausritte war nicht zu denken. Außerdem hatte Mara eine Erkältung bekommen. Wahrscheinlich hatte John sie angesteckt, der schon seit einiger Zeit schniefte. So rannte sie ein paar Tage lang mit knallroter, tropfender Nase in der Gegend herum. Leslie und John hatten ihr verboten, bei diesem Wetter vor die Tür zugehen und so war Mara nörgelnd im Haus geblieben. Allerdings ließ sie sich nach ein paar Tagen nicht davon abhalten, zumindest wieder kurze Besuche bei den MacKinnons zu machen. Ansonsten spielte sie mit den Kindern im Haus.

Für Silvester hatte Leslie eine große Party geplant und massenhaft Einladungen verschickt. John stöhnte schon die ganz Zeit und überlegte, wo sie die vielen Leute unterbringen sollten. Doch Leslie war unbekümmert und backte und kochte mit Hilfe von Mara leckere Sachen. Am Vormittag von Silvester war John nach Lochinver gefahren, um noch mehr Getränke zu kaufen und kam später mit einem vollgepackten Auto zurück. Sie räumten das Wohnzimmer ziemlich leer, wandelten den Fernsehschrank in ein Buffet um und dekorierten alles mit Luftschlangen und Ballons. Mara überlegte die ganze Zeit, was sie anziehen sollte. Schließlich meinte Leslie, sie solle doch das neue Shirt von ihrer Tante mit ihrer schwarzen Jeans anziehen. Mara stimmte zu und Leslie war ganz begeistert, als Mara später umgezogen aus ihrem Zimmer kam. »Hey, das steht dir echt gut, jetzt lass mal noch die Haare offen!«, rief sie aus und machte sich daran, Maras lange, dicke Haare zu bürsten, bis sie glänzten. Dann war Leslie endlich zufrieden mit dem Ergebnis und nickte anerkennend. Mara blickte kritisch in den Spiegel, musste dann aber zugeben, das sie sich einigermaßen sehen lassen konnte.

Gegen 22 Uhr trafen die ersten Gäste ein und jeder wurde mit einem Drink begrüßt. Einige Leute kannte Mara aus dem Dorf. Viele waren ihr jedoch unbekannt, aber alle waren sehr nett und unterhielten sich kurz mit ihr. Die Kinder wuselten aufgeregt zwischen den vielen Menschen herum. Um 23 Uhr war das Haus gerammelt voll. Musik dröhnte aus der Stereoanlage, überall war Lachen und Gerede zu hören. Mara hatte schon zwei Gläser Wein getrunken und sich in den Sessel am Fenster zurückgezogen. Bei dieser Lautstärke und den vielen Leuten, die sich alle im schönsten schottischen Dialekt unterhielten, verstand sie kaum etwas. Sie setzte sich hin und beobachtete alles neugierig. Die MacKinnons waren inzwischen auch gekommen, hatten Mara kurz zu gewunken und unterhielten sich gerade mit einem Mann, der etwa in Mr. MacKinnons Alter sein musste. Whisky wurde ausgeschenkt und man prostete sich zu. Mara fiel ein großer junger Mann auf, den sie noch nie gesehen hatte. Er hatte dunkelblonde, etwas verwuschelte Haare, die ihm ins Gesicht hingen, und ein nettes Lächeln. Er stand mit John in der Tür und schaute immer wieder zu ihr herüber.

Leslie kam vorbei und fragte: »Alles okay, Mara? Langweilst du dich?« Mara schüttelte den Kopf. »Nein, alles in Ordnung, es ist nur etwas anstrengend, sich bei dem Lärm in einer fremden Sprache zu unterhalten.« »Das kann ich verstehen, manche sprechen auch noch Gälisch, das kann nicht mal ich richtig. Ich hatte es zwar in der Schule, war aber der Meinung, das sei nicht so wichtig. Aber verrate das Brian nicht, mittlerweile ist Gälisch wieder stark im Kommen!«, sagte Leslie grinsend. Mara und Leslie unterhielten sich noch ein wenig, bis Leslie Mara lachend anstupste. »Schau mal, da interessiert sich jemand für dich!« Ihr Grinsen wurde noch breiter, während sie mehr oder weniger unauffällig in Richtung des jungen Mannes deutete. Mara wurde rot. »Wer ist das denn?«, fragte sie so beiläufig wie möglich. »Das ist der Enkel von den MacKinnons, Ian heißt er, müsste jetzt ungefähr dreiundzwanzig Jahre alt sein. Ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen, aber ich muss sagen, der hat sich rausgemacht!«, lächelte Leslie vielsagend. »Komm, ich stell ihn dir mal vor.« Leslie zog Mara auf die Füße. »Nein, das ist ja total peinlich!«, widersprach Mara und wollte gerade in der Küche verschwinden, doch da steuerte dieser Ian auch schon auf sie zu.

Blaue Augen schienen sie gefangen zu halten, dann streckte er ihr die Hand hin. »Hi, ich bin Ian«, sagte eine angenehme Stimme. »Ähhmm, Mara«, stotterte sie unbeholfen und hätte beinahe ihr leeres Weinglas fallen lassen. »Mara, schöner Name«, meinte Ian mit einem netten Lächeln. Die Art, wie er ›Mara‹ aussprach, ließ ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen. »Soll ich dir noch ein Glas Wein holen?«, fragte Ian. »Nein, ähm, na ja, vielleicht doch, warum nicht …«, stammelte sie und wurde noch röter. Verdammt, warum steh ich jetzt da wie eine blöde Kuh und bringe kein Wort heraus?, dachte Mara. Ian schien das nicht zu stören. Er nahm ihr Glas, lächelte ihr zu und meinte zwinkernd: »Aber nicht weglaufen!«, und verschwand in der Küche. Doch gerade das hätte Mara in diesem Moment gerne getan. In das tiefste Loch verschwinden und oben zugraben! Sie atmete tief durch. Ruhig bleiben!, sagte sie zu sich selbst. Ein paar Minuten später stand Ian wieder vor ihr, er hatte sich selbst ein Bier mitgebracht und prostete ihr zu. »Slainte!« Mara hatte im Laufe des Abends gelernt, dass das hier soviel wie ›Prost‹ hieß. »Slainte mhath!«, antwortete sie und dachte dann sarkastisch: Wow, ich kann ja doch reden! Ian verschluckte sich fast an seinem Bier. »Gälisch kannst du also auch schon, alle Achtung!« Mara schüttelte den Kopf. »Nur ein paar Worte.« Dann unterhielten sie sich über alles Mögliche und Mara entspannte sich etwas. Ian erzählte, dass er in Edinburgh Tiermedizin studierte, jetzt im sechsten Semester sei und seine Großeltern ein paar Tage besuchte. Mara erzählte ein wenig von Deutschland, wie gut es ihr hier in Schottland gefiel und dass sie die Pferde seines Großvaters ritt.

»Das ist eine große Ehre«, meinte Ian. »Grandpa lässt nicht jeden an seine Highlandponies ran!« Plötzlich ertönte eine Geige, ein älterer Mann fing an zu spielen und sofort klatschten alle Gäste mit. John holte seine Gitarre und irgendjemand fing an zu singen. Alle stellten sich im Kreis um die Musiker und klatschten im Takt. Es wurde ziemlich eng, doch einige schafften es sogar noch zu tanzen. »Möchtest du auch tanzen?«, fragte Ian und zog sie schon in die Mitte des Raumes. »Nein, ich kann nicht«, wehrte sich Mara. »Ach komm schon, ist doch ganz leicht!« »Nein, wirklich nicht, ich schau lieber zu«, meinte Mara, der sowieso schon leicht schwindlig vom Wein war. In diesem Moment bereute sie es, den Tanzkurs von ihren Eltern nicht eingelöst zu haben. Ian zuckte mit den Achseln, blieb aber bei ihr stehen. Die Stimmung wurde immer ausgelassener. Whiskygläser wurden aufgefüllt, alle lachten und klatschten im Takt der Musik, die wirklich ins Blut ging. »Mara, macht es dir etwas aus, wenn ich mit meiner Granny tanze?«, fragte Ian etwas später. Mara schüttelte den Kopf und Ian schrie seiner Großmutter, die nur ein paar Schritte von ihnen entfernt stand zu: »Granny, darf ich bitten?«, und verbeugte sich vor der alten Frau. Dann zog er sie auf die improvisierte Tanzfläche. Die kleine, rundliche Granny Kate hielt sich wirklich gut. Wenig später kam Ian lachend und außer Atem zurück. »Deine Großmutter ist wirklich toll«, sagte Mara.

Ian nickte. »Als junges Mädchen war sie auf jedem Ceilidh zu finden.« Bevor Mara fragen konnte, was ein Ceilidh war, schrie irgendjemand: »Noch fünf Minuten bis Mitternacht!« »Ich hol mir noch schnell ein Glas Whisky, möchtest du auch eins?«, fragte Ian. »Nein Danke, ich mag keinen Whisky, aber einen Baileys hätte ich gerne.« Ian nickte, bahnte sich einen Weg durch die Menge und kam kurze Zeit später mit zwei Gläsern in der Hand zurück. Alle gingen nach draußen und zählten die letzten Sekunden bis zum neuen Jahr. Ian stand dicht neben ihr. Es war ziemlich kalt und windig, doch der Himmel funkelte sternenklar. »Fünf, vier, drei, zwei, eins – Happy New Year!«, ertönte es von überall. Auch Ian hatte Mara in den Arm genommen und ihr einen Kuss auf die Wange gedrückt. Eine Sternschnuppe fiel vom Himmel. »Wünsch dir was«, flüsterte Ian ihr ins Ohr. Mara schloss die Augen. Ich will hier nie wieder weg, dachte sie spontan. Ian drehte sie zu sich um und fragte lächelnd: »Hast du dir was gewünscht?« Mara nickte. »Ich auch«, meinte Ian und legte einen Finger auf seine Lippen. »Aber nicht verraten, sonst geht es nicht in Erfüllung!«

Dann wurden die beiden vom Strom der ›Happy New Year‹ wünschenden getrennt. Mara war ganz durcheinander. Sie ließ alle Umarmungen und Wünsche über sich ergehen. Schließlich kam Ian wieder zurück und sie gingen ins Haus. Draußen war es doch ziemlich kalt. Die ausgelassene Stimmung hielt an. Ian erzählte lustige Geschichten aus der Uni und von seinem besten Freund Sean, den er ›Crazy Irishman‹, also den verrückten Iren, nannte. Die beiden teilten sich ein Appartement. Sean wechselte mindestens alle zwei Semester sein Studienfach, zurzeit sei es Ägyptologie. Doch Sean hatte bereits angekündigt, dass ihn die ›Dead wrapped bastards‹ schon wieder nervten. Außerdem war Sean legendär für seine Kneipentouren und Partys. Sein Lebensmotto war: Geh nie vor zwei Uhr Nachmittags in eine Vorlesung! Mara genoss den Abend in vollen Zügen. Später kam Leslie zu den beiden und meinte mit einem Zwinkern: »Schön, dass ihr euch so gut versteht. Ian, dein Großvater hat gesagt, das du Mitte Januar für die Semesterferien zu ihm kommst, um ihm bei Reparaturen zu helfen.« Maras Herz schlug höher. »Meinst du, du könntest Mara dann ein bisschen die Gegend zeigen? Ich habe schon ein ganz schlechtes Gewissen, weil wir bisher kaum weggekommen sind!«, fuhr Leslie fort und blickte Ian fragend an.

Ian versicherte, dass er das sehr gerne tun würde und sagte dann zu Mara gewandt: »Und wenn du willst, fangen wir gleich morgen damit an, ich bin noch zwei Tage hier«, und füllte ihr Weinglas nach. In Maras Kopf drehte sich alles und sie wusste nicht, ob das nur vom Alkohol kam! Gegen zwei Uhr morgens brachen die ersten Gäste langsam auf. Ian fuhr mit seinen Großeltern nach Hause. Vorher hatte er Mara noch versichert: »Ich rufe dich morgen an, okay?!« Anschließend hatte er sie kurz umarmt und war gegangen. Mara schwebte wie auf Wolken. Sie war beschwipst, müde und aufgekratzt zugleich. John fand sie schließlich, leicht dämlich grinsend, in der Küche auf einem Stuhl sitzend, während der heftig angetrunkene alte Mr. Lachlan ihr etwas auf Gälisch erzählte, und überhaupt nicht mitbekam, dass das Mädchen keinen Ton verstand. »Auf ins Bett, Lass, du kippst ja gleich vom Stuhl!«, sagte John und führte die leicht schwankende Mara in ihr Zimmer. Die schaffte es gerade noch, die Zähne zu putzen und sich auszuziehen, bevor sie bleischwer ins Bett fiel. Alles um sie herum drehte sich und in ihren Ohren dröhnte immer noch die Musik. Mara sah Ian vor sich, wie er sie anlächelte. Von unten drangen Stimmen und Lachen herauf. Schließlich schlief sie ein.

Rhiann-Nebel über den Highlands von Aileen P. Roberts
1. Auflage 2006, Cuillin Verlag, 297 Seiten
ISBN 3-9810966-0-6


Ein ausführliches Porträt über die Highlandponys findet Ihr hier!

Und hier geht es zum zweiten Buch über Mara und ihr Pony, natürlich auch von Aileen P. Roberts!
 
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