von Stefanie Gersch
Als Kissing Spine („sich berührende (küssende) Dornfortsätze “) Syndrom
bezeichnet man eine schmerzhafte Entzündung mit Knochenzubildung zwischen
den Dornfortsätzen der Wirbelsäule des Pferdes.
Eine Bekannte, bei deren Pferd Kissing Spines diagnostiziert wurden, fragte mich,
ob ich eine Alternative oder Ergänzung zur üblichen Schmerzmitteltherapie
wüsste. Daraufhin musste ich feststellen, dass hier im Allgemeinen große
Unklarheit über Ursachen und Therapiemöglichkeiten herrscht. In diversen Internet- Foren wird die Krankheit zwar diskutiert, aber ein Irrglaube über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten herrscht vor.
Steckt mehr dahinter?
Foto: pixelio.de / Templermeister
Was ist das Kissing spine Syndrom?
Das Kissing Spine Syndrom bezeichnet eine knöcherne Veränderung der
Dornfortsätze. (Kissing spine = sich küssende Wirbel). Es beschreibt das
Annähern, Berühren oder Überreiten benachbarter Dornfortsätze. Hierdurch
entzündet sich der betroffene Bereich und es kann zur Exostose
(Knochenzubildung) kommen.
Am häufigsten tritt diese Veränderung im Bereich vom 12. bis zum 18. Brustwirbel
auf, da hier die Abstände zwischen den Dornfortsätzen geringer sind als im
übrigen Wirbelsäulenbereich (Ausnahme: Kreuzbein, diese Wirbel sind
zusammengewachsen).
Die u.g. Studie der
Tierklinik Schierling hat ergeben, dass der kranialste betroffene Wirbel der 10. Brustwirbel war und der kaudalste der 4. Lendenwirbel. D.h. der mögliche betroffene Bereich ist größer als allgemein angenommen.
Weder in der pathologisch-anatomischen noch in der klinischen Literatur findet
sich eine einheitliche Terminologie für dieses Krankheitsbild beim Pferd. Im
deutschsprachigen Raum wird es als Thorakales interspinales oder
Thorakolumbale interspinales Syndrom bezeichnet. Aus dem angloamerikanischen Sprachraum hat sich die Bezeichnung Kissing-Spine-Syndrome (Overriding vertebral spinous processes) weltweit durchgesetzt.
Nach einer Untersuchung (von Dr. Jeffcott 1980) an 2000 Pferden mit
Rückenleiden,
litten 38,6 % am Kissing Spine Syndrom. Bei dieser Studie, die in England durchgeführt wurde, wurden allerdings hauptsächlich in Rennsport und Vielseitigkeit eingesetzte Vollblüter untersucht. Eine Studie über Warmblüter wurde 1995 – 2000 in Süddeutschland durchgeführt. (169 Pferde - 22 % mit klinischer KSS Erkrankung).
Die Dornfortsätze der kaudalsten Brust- und Lendenwirbel unterliegen einem
altersabhängigen Formwandel. Der Nackenstrang (Funculus nuchae) überträgt
den von Kopf und Hals ausgeübten Zug auf die Wirbelsäule und besitzt dadurch
einen formenden Einfluss auf die Dornfortsätze.
Etwa mit einem Jahr entstehen kranial an den Fortsatz-Enden die beim Pferd
charakteristische schnabelförmige Spitze sowie kaudal eine verbreiterte,
abfallende Fläche, die von zwei lateralen Knochenvorsprüngen eingefasst wird.
Die mit dem Alter und in unterschiedlichen Graden zunehmende Ausformung der
Tuberositas spinae (Dornfortsatz) wird durch biomechanische Belastung bestimmt,
die von den ansetzenden Bändern, insbes. das Ligamentum supraspinale
verursacht werden. Entsprechend der Zugbelastung und Zugrichtung verlängern
sich die Spitzen durch fortschreitende Mineralisation und Ossifikation. Die
schnabelförmige Spitze ist also die Folge einer Anpassung des Knochens an
biomechanische Reize. Schreitet die Mineralisation fort, nähern sich die Enden der
Dornfortsätze allmählich, berühren sich schließlich und es kommt zum KSS.
Das sieht zwar gut aus, aber das Genick ist eindeutig nicht der höchste Punkt. - Foto: pixelio.de / Templermeister
Klinisch unterscheidet man zwischen dem inapparenten KSS (entspricht einem
schmerzlosen Umformungsprozess der Dornfortsatzenden, der durch den Zug des
Ligamentum supraspinale hervorgerufen wird) und einem apparenten KSS, der ein
schmerzhafter und pathologischer Prozess im Bereich der Enden der
Dornfortsätze ist.
Anatomie und Biomechanik des Pferderückens
Die Wirbelsäule des Pferdes bildet eine zusammenhängende Kette von Knochen
und ist, beim Großpferd, ca. 3 m lang. Sie besteht aus
-
7 Halswirbeln -
18 Brustwirbeln -
6 Lendenwirbeln -
5 (beim erwachsenen Pferd zusammengewachsenen) Kreuzwirbeln
und -
15 – 22 Schwanzwirbeln.
Diese Wirbel werden von zahlreichen kurzen Bändern und Bandscheiben
zusammengehalten. Ab dem 2. Halswirbel bis zum 16. Lendenwirbel befinden sich zwischen den Wirbeln, die wie Stoßdämpfer wirkenden Bandscheiben. Ihre Aufgabe ist es, zusammen mit den Bändern, die Wirbelsäule zu stabilisieren, die Beweglichkeit zu kontrollieren und zu bremsen.
Stabil wird der Rücken erst, wenn sich durch das Anspannen der Bauchmuskulatur der Pferderücken nach oben wölbt. Sie sorgt also dafür, dass sich die Dornfortsätze an den Wirbelkörpern voneinander entfernen. Die dazwischen liegenden Bänder schützen die Wirbel vor einer zu starken Aufkrümmung.
Der lange Rückenmuskel ist der wesentliche Stabilisator, da er paarig ausgebildet
ist und beiderseits an den Dornfortsätzen entlang läuft. Je stärker der Muskel
ausgebildet ist, desto größer ist seine Schutzfunktion für die Wirbelkörper und
Stoß dämpfende Funktion bei Tritten und Sprüngen.
Nicht jedes Pferd hat das Glück, sich auf der Wiese frei bewegen zu dürfen. Aufgrund chronischen Bewegungsmangels entstehen viele Krankheiten bei den Pferden. - Foto: pixelio.de / akelo
Symptome des Kissing Spine Syndroms
Die häufigsten Anzeichen für Rückenproblematiken sind:
-
schmerzhafte Reaktionen beim Putzen und/oder Satteln -
der Rücken wird beim Springen weg gedrückt oder auch das Springen wird
komplett verweigert -
eine undifferenzierte Lahmheit der Hinterhand -
Dressurpferde zeigen mangelnden Raumgriff und schwache Verstärkungen -
Schwache Ausbildung der Rückenmuskulatur -
Kopfschlagen, Wehren gegen den Zügel -
Im Extremfall sogar: steigen, durchgehen, buckeln oder stures stehen
Bleiben
Welche Ursache hinter diesen Symptomen steckt, lässt sich mit Sicherheit nur
durch eine eingehende, klinische Untersuchung feststellen.
Das KS-Syndrom leitet sich immer aus einer Durchbiegung des Rückens nach
unten her, die das normale Maß an Auf- und Abbiegung in der Bewegung
überschreitet und immer in irgendeiner Form von außen verursacht worden ist.
Der Bereich des 12. – 18. Brustwirbels liegt genau in der Sattellage. Wölbt sich
der Rücken nach unten, nähern sich die Dornfortsätze.
In den meisten Fällen liegt diese Durchbiegung des Rückens an falscher Reitweise, womit aus einem
sekundären Rückenproblem (dem Reiter) ein Primäres wird, nämlich die
Veränderung der Dornfortsätze. Es gibt auch Pferde, die pathologische Veränderungen der Dornfortsätze haben, ohne andere Anzeichen eines Rückenproblems zu entwickeln. Die Rückenmuskulatur, insbesondere die Sattellage, muss regelmäßig beobachtet werden. Ein unpassender Sattel kann auf lange Sicht, wenn er einen ungünstigen Druck auf die Muskulatur ausübt, die Entwicklung bzw. den Aufbau der Muskulatur behindern. Ein Muskelschwund in der Sattellage ist das Resultat.
Hier erfahren Sie, warum ein Sattel unbedingt ans Pferd angepasst werden sollte
Und hier erleben Sie den Sattel aus Sicht eines Pferde-Physiotherapeuten
Diagnoseverfahren
Röntgenologische Untersuchung
Durch Röntgen ist es möglich, die Dornfortsatzspitzen (im Widerristbereich die
ganzen Dornfortsätze) darzustellen. Hierbei kann das KSS durchaus dargestellt
werden, weitere erhebliche Veränderungen, die zu Rückenproblemen führen
können, liegen aber außerhalb des dargestellten Bereiches.
Beim Röntgen werden hierbei röntgenologisch sichtbare Markierungen verwendet,
um die Veränderungen einer bestimmten Stelle im Rücken zuordnen zu können.
Schwierigkeiten ergeben sich aus der Position des Pferdes beim Röntgen oder
aber auch bei der Verwendung von Beruhigungsmitteln.
Wird das Tier im Liegen und unter Vollnarkose geröntgt, ist die Wirbelsäule durch
das fehlende Körpergewicht automatisch weniger nach unten gebogen.
Das Gleiche gilt für Pferde die unter Beruhigungsmittel stehen: die Muskulatur ist
entspannter als im Alltag, die Dornfortsätze rücken weniger zusammen.
Auf den Dornfortsätzen gibt es „Kappen“, die beim jungen Pferd knorpelig und
nicht auf dem Röntgenbild zu erkennen sind. Sie haben einen eigenen
Verknöcherungskern, der erst mit zunehmenden Alter des Pferdes verknöchert
(chondreale Ossifikation). Diese Kappen sind beim alten Pferd untrennbar mit den
Dornfortsätzen verbunden, bis dahin sieht es auf dem Bild aufgrund des nicht
darstellbaren Knorpels aus, als gehörten sie nicht dazu.
Ein hochgerissener Kopf, ein nach unten durchgedrückter Rücken, Leistungsdruck. Bis zu 38,6% dieser Pferde leidet an KSS. - Foto: pixelio.de / bremschen
Somit können röntgenologische Befunde über die tatsächlichen knöchernen
Veränderungen erhoben werden, dieses reicht in vielen Fällen allerdings nicht
aus. Hier tritt eine weitere erkenntnisschaffende Untersuchungsmethode ein: die
Szintigraphie.
Equine Knochen-Szintigraphie. - Foto: www.miegermany.de
Szintigraphie
Bei der Szintigraphie wird ein radioaktives Teilchen in die Vene verabreicht.
Dieses hat eine relativ kurze Halbwertzeit und wird im Körper genauso behandelt
wie Calcium: es lagert sich in den Bereichen verstärkten Knochenumbaus stärker
an, als in anderen Bereichen. Einige Zeit nach der Injektion kann mit einer Gammakamera der Bereich der verstärkten Strahlung sichtbar gemacht werden, da hier die radioaktiven Teilchen besonders stark eingelagert werden und somit den erhöhten Knochenumbau „markieren“.
Szintigraphie am stehenden Pferd. - Foto: www.miegermany.de
Kombiniert man nun die Ergebnisse beider Untersuchungen ergibt sich folgende
Kombinationsmöglichkeit:
1. akute, aktive Dornfortsatzveränderung
Hier sind keine Anzeichen chronischer Veränderung zu finden, die Szintigraphie
weist aber auf eine erhöhte Knochenumbaurate im Bereich der Dornfortsätze hin.
2. chronische, aktive Dornfortsatzveränderung
Veränderungen an den Dornfortsätzen sind auf den Röntgenbildern zu erkennen;
die Szintigraphie weist außerdem auf eine erhöhte Knochenumbaurate hin.
3. chronische, inaktive Dornfortsatzveränderung
Röntgenologisch sind Veränderungen zu erkennen, szintigraphisch ist aber keine
erhöhte Umbaurate zu verzeichnen.
Für die Auswirkungen dieser Veränderungen und für die Behandlung des
Rückenproblems sind diese Ergebnisse entschieden wichtig. Bei akuten, aktiven Veränderungen besteht die Chance einer Verschlimmerung entgegenzuwirken, chronische, aktive Veränderungen sind ein größeres Problem. Hier muss das Ziel sein, die Aktivität zur Ruhe zu bekommen. Chronische, inaktive Veränderungen schmerzen meist nicht mehr, hier muss man sich Gedanken über Stabilität und Nutzung machen.
Weiterhin werden
Ultraschalluntersuchungen der Dornfortsätze angeboten. Der Erkenntnisgewinn ist bei dieser Methode allerdings wesentlich geringer als bei den vorstehend beschriebenen. Darstellbar sind nur die oberen Kanten der
Dornfortsätze. Deren Form und Abstand lassen aber durchaus Rückschlüsse zu.
Insgesamt ist die Sonographie zur Darstellung des Kissing Spine Syndroms aber
nicht die Methode erster Wahl, da sie sich eher auf Weichteilveränderungen
bezieht.
Die Ursachen des Kissing Spine Syndroms
Das Kissing Spine Syndrom kann viele Ursachen haben, z. B.:
-
zu starke Belastung während des Wachstums -
falsche Reitweise -
unpassende Ausrüstung -
falsche Haltung (z.B. Heuraufe hängt zu hoch) -
Reiter ist zu schwer für das Pferd -
Rückenverspannungen -
Genickverspannungen -
auch als Folge eines Unfalles (z.B. Überschlagen des Pferdes)
In den meisten Fällen führt das Auftreten eines Problems in einen Kreislauf, bei
dem immer wieder die gleichen Symptome in immer stärker werdender Form
auftreten. Ist der Bereich schmerzempfindlich, wird sich das Pferd an der Stelle verspannen. Diese Verspannungen verursachen Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen und führen zu einer Schonhaltung. Dadurch wird der versorgende Muskel nicht mehr beansprucht, atrophiert und verursacht eine Bewegungseinschränkung. Diese verursacht wiederum mehr Schmerzen und somit schließt sich der Kreis.
Ziel sollte es sein, den Schmerzkreislauf zu durchbrechen und alle Negativfaktoren auszuschließen.
Zur Person:
Stefanie Gersch hat seit 20 Jahren Erfahrung im Umgang mit Pferden. Sie war Berufsreiterin und hat eine fundierte Ausbildung beim „Deutschen Institut für Pferde-Osteopathie“ zur DIPO-Pferdetherapeutin abgeschlossen. Eine zusätzliche Ausbildung zur Tierheilpraktikerin folgte. Ihr Haupttätigkeitsfeld sind Hunde und Pferde.
Mehr Infos über Stefanie Gersch:
www.gersch-pferdephysiotherapie.de
Hier geht es zu den Therapiemöglichkeiten des Kissing Spine Syndroms:
TCM, Akupressur, Akupunktur
Homöopathie und Bachblüten
Physiotherapie, Physikalische Therapie, Haltung und Ernährung
zurück zur Themen-Übersicht