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 Behandlungsmöglichkeiten des Kissing Spine Syndroms
Physiotherapie, Physikalische Therapie und vor allem gute Haltung
Datum der Nachricht: 20.08.2007
Hier geht es zu den Symptomen und Ursachen des Kissing Spine Syndroms!

von Stefanie Gersch

In der Humanmedizin wird schon seit langem erfolgreich mit Physiotherapie gearbeitet. Gerade bei Menschen mit Verletzungen, nach Operationen, bewegungseinschränkenden Krankheiten oder auch nur Sportlern zur Pflege und Rehabilitation wird diese Therapieform als unabdingbare Möglichkeit gesehen den Gesundheitszustand zu optimieren.

Warum sollte nicht auch Pferden hiermit geholfen werden?

Ob vorbeugend oder schon bei einem fortgeschrittenen Verlauf der Krankheit angewendet, bietet die Physiotherapie eine sinnvolle Ergänzung. Die physiotherapeutische Behandlung führt zu:
  • Durchblutungs- und Stoffwechselsteigerung
  • Schmerzlinderung
  • Entspannung
  • Vermeiden oder Lösen von Verklebungen
  • Wiederherstellen der Belastbarkeit
  • Wiederherstellen der Mobilität
Für die Behandlung sollte man allerdings darauf achten, dass der Therapeut nachweisbar eine entsprechende Ausbildung genossen hat, da mittlerweile sehr viele selbsternannte „Heiler“ und „Knochenbrecher“ unterwegs sind. Ein guter Behandler wird entsprechende sanfte Dehnungs- und Mobilisationstechniken anwenden, Zaumzeug und Trainingszustand des Pferdes überprüfen sowie Hinweise für das richtige Training geben.

Bei der Anwendung der Techniken ist es wichtig, diese sanft und ohne ruckartige Bewegung durchzuführen. In Frage kommen alle Übungen, die den Rücken aufwölben, die Rückenmuskulatur dehnen und den Kopf nach unten bringen. Die einzelnen Übungen sollten ca. 10 Sekunden gehalten werden, 5 mal wiederholt und alle 3 Tage durchgeführt werden. Nach der ersten Anwendungseinheit können untrainierte oder ungelenkige Pferde Muskelkater entwickeln!


Hier ist die Beweglichkeit noch voll gegeben - hoffentlich bleibt es so!
Foto: pixelio.de / ShoTiMo


Folgende Beispiele können nach vorheriger Anleitung durch den (entsprechend vorgebildeten) Tierheilpraktiker/ Therapeuten auch durch den Besitzer durchgeführt werden:

Die Rückendehnung (für den Longissimus dorsi):
Man fährt mit dem Finger oder einem Stäbchen mit abgerundeter Spitze vom Brustbein nach vorne bis zwischen die Vorderbeine. Dabei wölbt das Pferd in der Regel den Rücken auf und senkt den Kopf. Der Behandler steht seitlich an der Hinterhand des Pferdes und fährt mit leichtem Druck (wiederum mit dem Finger oder der stumpfen Seite eines Stiftes) in Höhe des Kruppenmuskels, ca. eine Handbreit rechts und links der Lendenwirbelsäule in Richtung Schweif. Bei richtiger Anwendung wölbt das Pferd den Rücken. Ist das Pferd sehr fest im Rücken, muss der Druck etwas verstärkt werden. Fährt man, bei gleicher Ausgangsstellung aber nur auf einer Seite, mit dem Finger vom Hüfthöcker in einem kleinen Bogen in Richtung Schweif, wölbt sich eben falls die Wirbelsäule und neigt sich ein wenig zur Seite.



Dehnung der Extremitäten:
U.a. werden hier der Trapezius, deltaförmiger Muskel und breiter Rückenmuskel gedehnt. Zunächst fasst man das vordere Bein so, als wolle man die Hufe des Vorderbeins auskratzen, dann bewegt man sich langsam rückwärts, zieht das Vorderbein dabei vorsichtig mit und bringt es in die Streckung nach vorne. Dieser Vorgang wird abwechselnd mit beiden Vorderbeinen wiederholt. Dabei, wie bereits Eingangs aufgeführt, auf eine langsame Durchführung achten und niemals gegen den Widerstand arbeiten. Die Dehnung der vorderen Extremitäten nach hinten, dehnt ebenfalls unter anderem die oben erwähnten Muskeln. Hierbei zieht eine Hand am Fesselgelenk, die andere Hand unterstützt am Karpalgelenk. Auch das Überkreuzen der Vorderbeine nach vorne bzw. nach hinten dehnt die Muskulatur, die im Bereich der vom KS-Syndrom betroffenen Dornfortsätze ansetzt.


Stefanie Gersch bei der Arbeit: physikalische Therapie.

Die langen Rückenmuskeln können sehr gut mit folgender Übung gedehnt werden:
Mit einer Möhre (oder ähnlich reizvoller Belohnung) wird das Pferd dazu bewegt, den Kopf zwischen die Vorderbeine zu strecken. Hierzu hält man die Hand mit dem zu erreichendem „Lockmittel“ etwa in Höhe des Sattelgurtes kurz über dem Boden. Je weniger das Pferd bei dieser Übung die Beine spreizt oder einknickt, umso mehr muss es sich aufwölben. Wenn diese Übungen öfter wiederholt werden, kann man in der Regel beobachten, dass das Pferd zunehmend gelenkiger und lockerer wird.

Das Deutsche Institut für Pferdeostheopathie hat eine Art Ausbindezügel entwickelt, der bei Rückenproblematiken insbesondere bei Kissing Spines sehr gute Ergebnisse erzielen kann. Dieses Hilfsmittel wird von ausgebildeten Therapeuten mit Erfolg eingesetzt.

Physikalische Therapie
Zum Bereich physikalische Therapie gehören Behandlungsmöglichkeiten mittels diverser, extra für Tiere entwickelter Geräte, Wärme oder Kältepackungen, Magnetfeldtherapie, Reizstromtherapie, Ultraschalltherapie, Pferde-Sauna u.v.m. Hier nur einige Anwendungsmöglichkeiten zur Schmerzlinderung und Lösung von Verspannungen.

Pulsierende Magnetfeldtherapie
Hierunter ist eine angewandte Therapie mit gepulsten und schwingenden Magnetfeldern zu verstehen. Die elektrische Spannung innerhalb einer Zelle gerät bei Entzündungen, Verletzungen etc. durcheinander und der Stoffwechsel innerhalb der Zelle sinkt. Dem betroffenen Pferd wird eine spezielle Decke aufgelegt (es gibt auch Gamaschen für Erkrankungen an den Beinen), die an einen Generator angeschlossen wird. Die dann erzeugten Magnetfelder durchdringen den Körper des Pferdes und somit auch jede Zelle.
Pferd mit Magnetfelddecke. - Foto urheberrechtlich geschützt. Quelle: www.equiphysio.de

Die in den Zellen vorhandenen Ionen, die magnetisch beeinflussbar sind, werden im Takt der sie durchflutenden Magnetfeldpulsation bewegt und an die Zellmembran gedrückt, wo diese eine Hyperpolarisation erzeugen und den Stoffwechsel, insbesondere den Energiestoffwechsel, positiv beeinflussen. Somit wird die Durchblutung angeregt und die Sauerstoffversorgung erhöht, was sie positiv auf entzündlich gereiztes Gewebe auswirkt.

Transkutane Elektrische Nerven-Stimulation (TENS)
Die sogenannte Transkutane Elektrische Nervenstimulation erzeugt die Übertragung von kleinen elektrischen Impulsen von der Haut auf die darunter liegenden Nerven. Sie kann einerseits die Übertragung von Schmerzsignalen an das zentrale Nervensystem blockieren, andererseits selbständig Reize an die peripheren Erfolgsorgane (Muskulatur) geben, die zu einer Aufhebung von Dauerkontrakturen führt. Durch den elektrischen Nervenreiz werden auch körpereigene schmerzstillende Stoffe freigesetzt, die den Schmerz-Kreislauf unterbrechen und somit ebenfalls Heilungsprozesse verbessern können. Die Hauptwirkung besteht in der Möglichkeit, die afferenten Nerven zu stimulieren. Damit ist eine Verminderung des Schmerzes, eine Optimierung der Durchblutung und ein reflextherapeutischer Effekt zu erwarten.
Praktische TENS-Behandlung. - Foto urheberrechtlich geschützt. Quelle: www.equiphysio.de

Hierzu werden Elektroden auf die Schmerzfläche appliziert und mittels eines Stimulators Impulsblöcke erzeugt. Bei dieser Therapie sollte man jedoch beachten, dass hier mit Strom gearbeitet wird und die Toleranz gegenüber Stromimpulsen von Pferd zu Pferd sehr unterschiedlich ist.

Ultraschalltherapie
Mittels eines Ultraschallgerätes werden wellenartige Bewegungen in den Gewebeteilchen erzeugt. Diese Schwingungen aktivieren die Zellmembran und somit wird der Stoffwechsel positiv beeinflusst. Die Ultraschalltherapie wird aufgrund ihrer vielschichtigen Wirkungen der Mechanothermotherapie zugeordnet. Je nach Therapieparameter (Behandlungsfrequenz, Schallart, Dosis, Behandlungsdauer und -turnus) steht bei der Ultraschallbehandlung eine thermische Wirkung (Wärmeentwicklung an reflektierenden Grenzschichten des Gewebes, z.B. Knochen, Gelenke) oder eine Mikromassage im behandelten Gewebesegment im Vordergrund. Alle hier aufgeführten Geräte dürfen nur durch entsprechend ausgebildete Therapeuten eingesetzt werden, da es sowohl Kontraindikationen gibt als auch irreparable Schäden durch unsachgemäße Behandlung verursacht werden können! Auch die gängigen Hilfsmittel wie Wärmelampen, Eis-Anwendungen oder auch Pferde-Sauna können helfen die Muskulatur zu entspannen und Entzündungen zu beseitigen.

Pferde-Sauna
Mittlerweile werden auch Sauna-Behandlungen für Pferde angeboten. Diese Therapie Form eignet sich aus Kostengründen nicht für den Hausgebrauch, wer das Pferd aber für die Dauer einer Therapie in eine entsprechende Einrichtung bringen will, sollte auch Sauna-Anwendungen durchführen lassen. Durch die intensive Wärme werden Blockaden leichter gelöst, der Stoffwechsel angeregt und Schlackenstoffe ausgeschwitzt.

Diese Pferdesauna war auf der Equitana 2003 eine der Weltneuheiten. - Foto: Klaus Voit




Haltung und Ernährung

1. Haltung
Das Pferd entwickelte sich in einer Baum-, Savannen- und Tundrenlandschaft, also in halboffenen, nicht großflächig bewaldeten Landschaft. Dort weideten die Herden in einem sozialen Verband.
Sozialkontakte sind lebenswichtig für das Pferd.
Foto: pixelio.de / Maren Beßler


In Abhängigkeit von klimatischen Gegebenheiten und Nahrungsvorkommen, unternahmen sie auch große Wanderungen, bei denen sie ständig von Raubtieren umgeben waren. Demzufolge entwickelte sich das Pferd zu einem hochspezialisiertem Lauf- und Fluchttier mit hochsensiblen Sinnesorganen und einem ausgeprägtem Sozialverhalten.

Solch eine Haltungsform kann in der heutigen Zeit leider nicht praktiziert werden. Die einzig vernünftige Alternative wäre, in Anlehnung an die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes, die Offenstallhaltung im Herdenverband. Die Boxenhaltung, bei der das Pferd ungefähr 23 Stunden am Tag eingesperrt ist, keinen Sozialkontakt und keine Bewegung hat und u.U. aus hochgehängten Heuraufen fressen muss, ist die Basis für eine Reihe von Erkrankungen, zu denen auch das Kissing Spine Syndrom zählt. Mangelhafte Bewegung führt zu mangelhafter Durchblutung von Muskeln, Sehnen und Gelenken. Wird der Bewegungsapparat dann auch noch tägliche kurzzeitige Intensivarbeit mehr oder weniger konzentriert belastet, kann sich der Organismus nicht optimal auf Belastung einstellen. Die Folge sind vermeidbare Krankheiten.

Insbesondere für KSS-Pferde ist eine pferdegerechte Haltung wichtig!

1. Die Hochhaltung des Kopfes ist zu vermeiden. D.h. die Aufnahme von Futter, besonders von Heu sollte so tief wie möglich erfolgen und um etwas von der Umwelt mitzubekommen sollte das Pferd nicht aus hoch gelegenen Öffnungen sehen müssen.


Ungünstige Kopfhaltung!
Foto: pixelio.de / Rogge


2. ausreichende Bewegung in entspannter Körperhaltung, z. B. durch möglichst viel Auslauf auf einer Weide. Durch das Grasen wird der Kopf tief gehalten und der Rücken wölbt sich automatisch. Kein Pferd würde in seiner natürlichen Umgebung mit durchgedrücktem Rücken umher laufen.

3. Förderung des Sozialkontaktes durch Gruppenauslauf. Pferde, die Kontakt mit Artgenossen pflegen können (hierzu gehören auch kleinere Raufereien!) sind in der Regel entspannter und gesünder als solche, die isoliert (in einer Box) leben müssen.

4. Reitweise: Pferde, die unter dem Kissing Spine Syndrom leiden, müssen durch angepasstes Training bewegt werden.


Auch longieren will gelernt sein! So ist es eher kontraproduktiv. - Foto: pixelio.de / Templermeister

Ein Pferd mit KSS braucht genauso viel Bewegung wie ein gesundes Pferd, sollte aber mit entsprechender Rücksicht auf die Erkrankung trainiert werden.

a) die Ausrüstung muss unbedingt angepasst sein, der Sattel darf nicht auf die schmerzhaften Stellen drücken

b) Gymnastizierung: Hier heißt das Zauberwort „Vorwärts-Abwärts Reiten“! Schlaufzügel, Rollkuren und sonstige Zwangsmaßnahmen sind absolut kontraproduktiv und verhindern jegliche Chance auf Verbesserung des Leidens. Es sollte immer so geritten werden, dass sich das Pferd aufwölben kann.


Vorwärts-Abwärts ist die Devise! - Foto: pixelio.de / ShoTiMo

c) Einfühlungsvermögen des Reiters: Der Reiter sollte sich selbstkritisch überprüfen, ob seine Reitweise oder sein reiterliches Können den gesundheitlichen Anforderungen eines Pferdes mit KSS entspricht.

d) Altersentsprechend angepasste Ausbildung: Ein junges Pferd kann durch Überbeanspruchung Kissing Spines entwickeln.


Ernährung

Zur Vermeidung von Knochenwachstumsstörungen ist besonders auf das Calcium/ Phosphor Verhältnis zu achten (2:1). Wie bereits erwähnt, wird der Auf- und Abbau von Knochenzellen durch Calcitonin und Phosphor geregelt. Wird bei der Fütterung nicht auf eine entsprechende Zusammensetzung der Mineralstoffe geachtet, können u.a. auch degenerative Knochen- und Gelenkserkrankungen entstehen bzw. gefördert werden. Bei bestehendem KSS können einige Nahrungsergänzungsmittel von Vorteil sein, z.B.: Weleda Aufbau Kalk oder auch Vermiculite Staufen, cdvet ArthroGreen, cdVet Athro Mix, cdVet EquiMint. Die Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln sollte nicht wahllos erfolgen! Eine eingehende Beratung durch den entsprechend geschulten Tierheilpraktiker ist auch hier wichtig!

Da das Kissing spine Syndrom eine fortschreitende degenerative Erkrankung ist, kommt es insgesamt eher darauf an, diesen degenerativen Prozess aufzuhalten und weitestgehend für Schmerzfreiheit zu sorgen denn eine vollständige Heilung ist so gut wie nicht möglich.

Eine Rassedisposition wird bei höher im Blut stehenden Pferden diskutiert. Dies erscheint mir aufgrund der Zusammenhänge durchaus logisch, da diese Pferde in der Regel nervöser und deswegen auch verkrampfter sind als z.B. Kaltblüter. Allerdings muss auch gesagt werden, dass sogar bereits ausgestorbene Pferderassen (Equus occidentalis) ein KSS aufwiesen und bei diesen Pferden kann mit einiger Sicherheit angenommen werden, dass sie nicht geritten wurden. Zusammenfassend kann somit gesagt werden, dass jedes Pferd von dieser Krankheit betroffen sein kann und Verdachtsmomente gründlich abgeklärt werden sollten. Auch wenn bereits eingetretene Veränderungen irreversibel sind, halte ich eine Verschlimmerung des Leidens für vermeidbar.

Physiotherapie, Physikalische Therapie und Osteopathie sollte von nur von entsprechend ausgebildeten Ärzten oder Therapeuten durchgeführt werden! Achten Sie auf eine gute Ausildung - Ihr Pferd wird es Ihnen danken!!

Eine Liste mit Tier-Physiotherapeuten finden Sie hier.
Und die Osteotherapeuten hier!

Zur Person:
Stefanie Gersch hat seit 20 Jahren Erfahrung im Umgang mit Pferden. Sie war Berufsreiterin und hat eine fundierte Ausbildung beim „Deutschen Institut für Pferde-Osteopathie“ zur DIPO-Pferdetherapeutin abgeschlossen. Eine zusätzliche Ausbildung zur Tierheilpraktikerin folgte. Ihr Haupttätigkeitsfeld sind Hunde und Pferde.



Mehr Infos über Stefanie Gersch: www.gersch-pferdephysiotherapie.de

Hier geht es zu den weiteren Therapiemöglichkeiten des Kissing Spine Syndroms:

TCM, Akupressur und Akupunktur
Homöopathie und Bachblüten


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