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 Mit Pferd, Hund und Katz

9.000 km von Portugal in die Türkei

von Anita Isoardi

Mehr Infos finden Sie auf www.http://romantischevagagunden.jimdo.com/!

Die Erlebnisse gibt es auch als Buch:



Tufi, unsere vornehme Hundebeleitung


Im Juli 2001 verlassen wir, frisch verheiratet, die sächsische Heimat. Mit dem Bus geht es an den Gardasee; von da ab „per pedes“ – so weit die Füße tragen. Wir pilgern durch das Land der Pizza und Pasta. Doch oft sind wir allein, und der noble Doggenwelpe, das originelle Geburtstagsgeschenk meines Mannes, ist deshalb eine willkommene Reisebegleitung. Ihr Name? Tufi – so wie der Weinberg, von dessen Besitzer er sie gekauft hat. Schnell stellt die junge Dogge unseren Reiseverlauf um, wir müssen die täglichen 30 km reduzieren und uns dem Tempo unseres neuen Familiemitglieds anpassen. Kleine Ledersöckchen beweisen sich als Retter in der Not für Tufis Pfötchen auf dem heißen Asphalt. Später durch den Süden Frankreichs wandernd, folgen wir den Spuren des Jakobsweges bis nach Galizien in Spanien. Da Tufi in den Pilgerherbergen nicht immer beliebt ist und es viele, ja sehr viele Schnarcher gibt, kaufen wir ein Zelt – ein kleines Häuschen für unsere kleine Familie. Weiter geht es bis an die Algarve, wo wir nach 18 Monaten Wanderung in Albufeira zurück in das „normale“ Leben finden. Als Tourismusassistenten arbeiten wir in unserer Branche vor Ort, wie schon so oft, veröffentlichen Fotos über unser Nomadenleben mitten im modernen Europa und füllen so unsere Reisekasse wieder einmal auf. Ein Jahr verweilen wir im Süden Portugals und verarbeiten das Erlebte. 6000 km ohne die Hilfe jeglicher Transportmittel liegen hinter uns; und unsere noble Tufi, inzwischen stolze 60 kg schwer, ruht sich von der langen Reise aus. Wir kaufen zwei Hengste oder vielmehr: Wir retten sie aus ihren miserablen Stallungen. Mit viel Geduld, Liebe, aber auch der nötigen Strenge, machen wir Jeannot und Maurice reisetauglich; denn trotz Sonne und Urlaubsambiente hegen wir bereits neue Abenteuerpläne.



Tigris, unser Findelkind


Kurz vor Saisonende findet Tufi im Garten unseres Mietshäuschens ein winziges Kätzchen, das niemandem gehört und keiner haben will. Tigris, wie wir unser neues Familienmitglied nennen, ist vielleicht gerade drei Wochen alt und würde ohne unsere Hilfe wohl nicht überleben. Mit einer Pipette stillen wir mehrmals täglich ihren Hunger. Aber was tun mit diesem kleinen Schmusetiger? Wir grübeln den ganzen Abend, während die kleine Katze auf dem riesigen Hund selig schlummert. Als wir am nächsten Tag von Arbeit kommen, trauen wir unseren Augen kaum: Tigris hat sich einen neuen Schlafplatz gesucht – den Pferdesattel. Lachend blicken wir uns an und sind froh, dass anscheinend auch unser jüngstes Familienmitglied reisetauglich ist.


Auf geht’s!

Im November 2004 satteln wir, übergeben den Schlüssel des Mietshauses und sind wieder einmal frei. Nur unsere Katzendame fühlt sich etwas unwohl, bewegt sich doch plötzlich der lieb gewonnene Sattel, auf dem sie seit Tagen vor sich hin träumte. Aber der gleichmäßig wiegende Schritt des Schimmels Maurice lässt sie bald schläfrig werden. Mit viel zu viel Gepäck bahnen wir uns den Weg durch das Hinterland der Algarve. Doch kurz darauf reisen wir nur noch mit dem Minimalsten: 20 kg pro Pferd – inklusive Sattel (und Katze!), zwei Schlafsäcken, Wechselkleidung für jede Wetterlage, einer prall gefüllten Hygienetasche, Putzzeug für die Vierbeiner und natürlich jeder menge Futter für Tigris bzw. Tufi.

Unser Gartentiger wird von Tag zu Tag sattelfester. Stolz sitzt Tigris auf ihrem Hengst; das rote Geschirr, das sie zur Sicherheit trägt, stört sie nicht mehr. Tagsüber sitzt sie geduldig im Sattel. Sie ist übrigens auch die Einzige der Reisegesellschaft, die dieses Privileg genießt, denn wir sind zu 95 % per pedes unterwegs. Wenn Tigris dann nach fünf Stunden reiten doch mal für kleine Katzen muss, meldet sie sich einfach mit einem Miau... Pascal lässt sie dann jeweils an der Leine vom Pferd herunter, sie geht ihren Bedürfnissen nach und wird schließlich wieder auf den Sattel gehoben.



Wir erreichen Merida und wandern mit unseren vier Freunden in die Sierra nach Spanien. Das Wetter meint es gut mit uns, aber auch die Einheimischen. Da wir ohne Sponsoren Europa entdecken, sind wir stets auf deren Hilfe angewiesen. Täglich müssen wir zwei Bündel Heu bzw. Stroh sowie etwas Kraftfutter für Jeannot und Maurice finden. Über die Via de la Plata, die spanische Silberstrasse, erreichen wir Salamanca. Hier verbringen wir die Weihnachtstage. Bei Bekannten genießen die Hengste eine Box und wir etwas Ruhe. Tigris versucht sich das erste Mal im Stall mit der Mäusejagd, was sich als gar nicht so einfach herausstellt, denn die Mutter, die ihr das hätte zeigen müssen, hatte sie nicht. Obwohl Tufi sie liebevoll umsorgt und beschützt – die Mäusejagd ist nicht ihr Fachgebiet.

Im eisigen Winter über die Pyrenäen


Im Januar geht es weiter. Schritt für Schritt bahnen wir uns den Weg durch den kalten Winter. In Burgos werden bei unserer Ankunft Rekord-Kältetemperaturen gemessen: -10 °C. das gab es hier noch nie! Die fröstelnden Spanier erklären uns für verrückt; doch wir fühlen uns, solange wir in Bewegung sind, recht wohl. Unser Schmusetiger schläft warm in einem Pullover unter dem Sattelschutz, während uns die Schneeflocken in einen weißen Mantel hüllen. In einem Schneesturm geht es über die ersten Gipfel der Pyrenäen. Jeden Abend müssen wir eine trockene Bleibe für unsere treuen Gefährten finden. Vom Bürgermeister über den Bauern bis hin zum Pfarrer machen wir in den spanischen Dörfern alle mobil, um unsere tierischen Begleiter nicht zu enttäuschen. Täglich schmausen sie ihr Futter in einem warmen Stall. Und dann genießt unser Gartentiger seine Freiheit und übt sich bei der Mäusejagd.



Nie lassen wir unsere Familie allein, alle gemeinsam übernachten wir in Scheunen bzw. Ställen. Tufi und Tigris kommen dann in unsere goldene Mitte; wir wärmen sie uns sie unseren Schlafsack. Immer höher liegt der Schnee. Es hilft nichts, wir steigen das erste Mal auf unsere Hengste. Bisher sind wir immer neben ihnen hergelaufen, denn auch sie sollten sich an diese Art des Reisens gewöhnen und die nötige Muskulatur aufbauen. Jetzt ist die Zeit reif: Wir sitzen auf! Unsere Katzendame teilt sich den Sattel mit Pascal. Dann und wann, wenn es ihr draußen zu frisch wird, klettert sie in seine dicke Jacke – aber wirklich nur zum Aufwärmen! Schon wenig später sitzt sie wieder im „Cockpit“ und genießt die Aussicht. Wie im Märchen reiten wir durch eine zauberhafte Winterlandschaft und überqueren die letzten Gipfel der Pyrenäen. Anfang März erreichen wir Pau in Südfrankreich, blicken auf die scheinbar unüberwindbare Wand der Pyrenäen zurück und atmen auf. Wir haben es geschafft: Der Winter liegt hinter uns! Einige Wochen machen wir Pause, hat uns doch das eisige Wetter recht müde gemacht.

Von Frankreich nach Deutschland


Im Mai satteln wir erneut, und stolz nimmt Tigris ihren Sattel ein. Doch jetzt sind es die heißen Temperaturen, die uns das Reisen schwer machen! Aus Ästen und einem Pareo basteln wir wenigstens für unser Kätzchen ein Sonnenverdeck. Von vier bis neun Uhr morgens pilgern, ein schattiges Plätzchen suchen und warten, bis die Sonne auf den Horizont trifft und so die ersehnte Abkühlung bringt. Wieder einmal laufen wir neben den Hengsten her, um sie zu schonen. Schließlich haben wir nicht den rettenden Begleitwagen dabei, der uns in der Not helfen könnte, wir sind auf uns allein gestellt. Schritt für Schritt entdecken wir Pascals Heimatland. Durch den Süden des Zentralmassivs bis in den Elsass – wir lernen Frankreich von einer einzigartigen Seite kennen.



Die Sommermonate gehen vorüber, die Temperaturen werden angenehmer. Wir überqueren den Rhein. Winzer werkeln auf ihren Weinbergen herum, Erntedank. Eine Dame spricht uns an und lädt uns einige Tage auf ihren Hof im Schwarzwald ein. Sie hatte Tigris auf dem Pferdesattel in einer Reportage des TV-Senders Arte gesehen. Jetzt stehen die „romantischen Vagabunden“, wie uns das Fernsehen nennt, bei ihr im Garten und geben den Kindern Reitstunden. Dann reisen wir wieder weiter. Immer häufiger steigen wir auf und traben, was unserer sattelfesten Katzendame überhaupt nichts ausmacht. Durch den Fränkischen Wald reiten wir ins Erzgebirge, erreichen die sächsische Heimat im Oktober 2005 nach 4000 km. Ohne Zweifel, die Pause nach diesem Ritt haben wir uns verdient; Zeit, das Erlebt zu verarbeiten, tausende von Fotos zu beschriften und neue Reisepläne zu schmieden. Jeannot und Maurice genießen die heimischen Boxen; Tufi und Tigris teilen sich das bequeme Sofa. Obwohl wir die Ruhe und den Komfort sehr mögen, ist doch das Kribbeln in den Beinen bald schon nicht mehr auszuhalten. Keine Frage, im Frühsommer 2006 hat uns das Reisefieber erneut gepackt...

Den Kompass auf Süd-Ost gerichtet...


Am 26. Juni 2006 sind dann beide Pferde gesattelt: Auf in die Türkei! Etwas wehmütig nehmen Familie und Freunde mit Geschenken bzw. Verpflegungspaketen von uns Abschied. „Dieses Nomadenleben werden sie wohl niemals völlig verstehen können“, denken wir, als wir sie verlassen. Ein Gefühl unendlicher Freiheit breitet sich in uns aus, die Pferde tänzeln vor Aufregung, Tufi spring vergnügt wie lange nicht mehr um uns herum, und Tigris sitzt miauend in ihrem „Cockpit“. Eine sanfte Brise weht uns um die Nase – gut so, denn etwas angespannt sind wir schon, nach so langer Pause wieder auf Reisen zu gehen; die hochsommerlichen Temperaturen tun ihr Übriges... Doch wollen wir nicht gleich ins kalte Wasser springen: Im Gegensatz zu unseren bisherigen Prinzipien haben wir für unsere erste Nacht (und nur für diese erste Nacht) zwei Boxen und eine Unterkunft in 20 km Entfernung reserviert. Eine gute Idee, ist doch dieser erste Tag recht anstrengend. Zudem geht noch am gleichen Abend ein Unwetter nieder, das die Umgebung für kurze Zeit in eine Seenlandschaft verwandelt. Es soll für uns auch der letzte Regenguss für die nächsten sieben Wochen sein! Die Sonne meint es zu gut mit uns, und wieder einmal pilgern wir neben unseren treuen Pferden her, um sie zu schonen und unsere und ihre körperliche Fitness wieder aufzubauen. Dank des guten Heus des Schäfers und der leckeren heimischen Küche stehen sie, wie auch wir, viel zu gut im Futter.



Nach einer Woche „abenteuern“ im Erzgebirge haben wir den Grenzübergang zu Tschechien in Schmilka erreicht. Hier lernen wir dann auch gleich unser erstes tschechisches Wort: „Kotschka“. Die Übersetzung gelingt uns auch ohne Wörterbuch, denn so wie alle auf unseren sattelfesten Gartentiger schauen, muss es wohl „Katze“ bedeuten. Wanderkarten und Einheimische helfen uns, den Weg in Richtung Süden zu finden. Stets die Grenze zu Polen suchend, finden wir in den Bergen wenigstens nachts etwas Abkühlung. Mit unserem fünften treuen Begleiter, dem Wörterbuch, und viel Gestik bzw. Mimik gelingt es uns stets, die nötige Bleibe für die Nacht sowie Heu für die beiden Hengste zu bekommen. Schlafen unter dem Sternenhimmel – wie haben wir das vermisst! Schon bald finden wir zurück zur Reiseroutine; wandern ruhig und ausgeglichen in die Beskyden. Nach sieben Wochen haben wir die Hitzeschlacht endlich gewonnen, die Temperaturen werden angenehmer, und so können wir das Limit der täglichen 15 km etwas erhöhen.

Zu Besuch im Märchenwald


Noch an der tschechisch-slowakischen Grenze heißt uns ein freundliches Kräuterweiblein in seinem klapprigen Häuschen willkommen. Schutzsuchend vor einem Gewitter, folgen wir dem Winken ihrer knochigen Finger in die Heuscheune. Mit einem alten Besen fegt sie noch schnell die Treppe, bevor sie uns zur Pilzsuppe ins haus bittet. Während sie mit ihren langen Nägeln die trockenen Blätter verschiedener Pflänzchen für einen Tee zupft, drängt sie uns, zum Essen sauber zu sein. Doch die Aufforderung, das bad im eisigen Keller nach der Benutzung zu reinigen, können wir nicht ganz verstehen: Spinnen(weben) und Fledermäuse zieren die Decke, auch die kalte, rostige Brühe aus dem Wasserhahn lädt nicht gerade zum Duschen ein. Tufi verbringt eine schlaflose Nacht, muss sie doch ihr Kätzchen vor den vielen Katern schützen. Egal, frisch gestärkt und mit dem Gedanken an Hänsel und Gretel im Kopf verabschieden wir uns im Morgengrauen von dieser zauberhaften Dame.

Bär oder Nicht-Bär, das ist die Frage


Die endlosen Wälder der Slowakei sind nach diesen heißen Temperaturen eine willkommene Abwechslung. Immer einfacher und ärmer werden die Dörfer, was die Gastfreundschaft aber nicht beeinflusst. Liebevoll lassen uns die Einheimischen an ihrem Alltag teilhaben. Mit viel Interesse lauschen wir ihren Erzählungen von früher, nur den Geschichten um die wilden Bären in den Wäldern wollen wir keinen Glauben schenken – bis 100 km vor der ungarischen Grenze jedenfalls... Wir verlassen eine alte Schäferei, in der wir uns eine Nacht ausgeruht haben. Josef, der Schäfer, hat uns den 20 km langen Weg durch den Wald genau beschrieben. Etwa 10 km liegen hinter uns, als Tufi aufgeregt umherschnüffelt; auch die Hengste wirken ungewohnt angespannt. Schließlich werden die Spuren im Schlamm frischer und somit deutlicher: Kein Zweifel, Tatzen mit langen Krallen. Noch lästern wir ein wenig, doch als wir ein lautes Brüllen unweit von uns vernehmen, reißen wir die Steigbügel herunter, springen auf die Hengste und reiten sehr, sehr zügig die folgenden Kilometer durch den Busch! Tigris klammert sich fest und hat wohl nach diesem Ritt endgültig alle Reitabzeichen gewonnen! Meister Petz hat uns also doch eines Besseren belehrt...



Die feuchte Waldluft, die wir nun seit Tagen atmen, wirkt fast erstickend. Doch als wir im Wettlauf mit dem Bären eine riesige Ebene erreichen, der warme, trockene Südwind in unsere Gesichter bläst und wir in der Ferne Ungarn erahnen können, weicht diese Enge der scheinbar endlosen Weite des vor uns liegenden Flachlandes. Stets das Ziel der Puszta vor Augen, bezwingen wir die letzten Hügel.

Von Ungarn nach Transilvanien


Den Bükknationalpark hinter uns, reiten wir bei herrlichem Altweibersommer über traumhafte Sandpisten durch die faszinierende ungarische Steppenlandschaft. Die Kompassnadel auf Süd-Ost gerichtet, haben wir schnell einige hundert Kilometer zurückgelegt; Einheimische zeigen uns praktische Wege, die wir mit Karten niemals finden würden. Pferdefuhrwerke, freilaufende Esel und Graurinder beginnen unseren Alltag zu begleiten. Jeden Tag aufs Neue werden wir von der Gastfreundschaft der Einheimischen beeindruckt. Im Hortobagy-Nationalpark im Großen Ungarischen Tiefland dürfen wir mit den Vierbeinern im Freilichtmuseum, welches das einstige Leben präsentiert, übernachten. Der Bürgermeister lässt Heu anfahren, während Tigris am riesigen Ziehbrunnen mit Tufi das erfrischende Nass schleckert. Als wir morgens die Augen öffnen, stehen die Touristen um unsere Schlafsäcke herum und fotografieren. "Sie denken wohl, wir gehören zum Inventar?!", meint mein Mann Pascal lachend, während er unter den staunenden Blicken der Besucher/innen sattelt, um weiterzuziehen. Leider sehen wir die Csikos (Hirten in der Puszta), von denen es früher Hunderte gab, nur im Film. Nur noch ganz Wenige zeigen ihr überliefertes Können bei Show-Veranstaltungen für die zahlreich anreisenden Touristen. Doch daran haben wir kein Interesse. Der alte Mann, der bei Sonnenuntergang auf seinem Esel die Graurinder in seine Tanya treibt; die Großmutter, die Körbe flechtet, während ihre Enkelin Holz-Ostereier liebevoll bemalt - das sind für uns wahre Spektakel.



In der Ferne ragen die ersten verschneiten Gipfel der Karpaten auf. Sie sind wohl die letzte große Hürde, bevor wir uns Kleinasien nähern ... 250 Kilometer durch Ungarn genießen wir die Gastfreundschaft, lassen uns immer wieder gern einladen, noch einen Tag länger zu bleiben. Unsere sattelfeste Katzendame ist glücklich darüber, hat sie doch so mehr Zeit für die Mäusejagd. Und auch Tufis Pfoten tut es gut, dass wir das Tempo bzw. die hastige Vorfreude auf Istanbul etwas drosseln. In Letavertes, 20 Kilometer vor Rumänien, stoßen wir dann im November 2006 im wahrsten Sinne des Wortes an die Grenzen der EU: Zwar gibt es zahlreiche Formulare für Pferdeimport bzw. -export, Zuchtpferde oder auch Turnierpferde, aber wandernde Nomadenpferde? Die Tierärzte schauen uns fragend an. Zwei Wochen dauert der Papierkrieg zwischen Budapest und Bukarest. Und endlich dürfen wir am 12. November nach Rumänien einreisen. Wir hoffen, hier das noch urige und ursprüngliche Leben erleben zu dürfen...

Rumänien – eine andere Welt


Ausgerüstet mit Wanderstöcken zu Tufis Verteidigung, halten wir ihr die frei laufenden, aggressiven Hunde vom Leib. Auf die Hengste zu steigen und Tufi sich selbst zu überlassen, wäre ein undenkbares Unterfangen, tut sie doch keiner Fliege etwas zu Leide. Auch für Tigris sind die unendlich vielen bellenden Straßenhunde ein wahrer Stress – nicht selten zieht sie sich deshalb trotz des schönen Wetters unter den Sattelschutz zurück. Und so geht es wandernd über die zum Trab einladenden Pisten (oder besser Strassen, auf denen der Asphalt noch nicht Einzug gehalten hat).



Während eines Monats bezwingen wir die Hälfte dieses riesigen Landes, dessen Mentalität für uns etwas gewöhnungsbedürftig ist. Hühner und Ziegen flanieren auf den Strassen, Pferde grasen auf Friedhöfen, Ferkel spazieren vor dem Postamt, und Kälber werden auf der Rücksitzbank des Dacias zum Viehmarkt kutschiert. Auch kümmert es niemanden, wenn das Blut des geschlachteten Hausschweins durchs Dorf fliesst, die Weihnachtsbäume irgendwo im Busch abgesägt werden und das Geschenkpapier nach der Bescherung im Fluss entsorgt wird (wie der gesamte Müll das ganze Jahr über). Das ist Rumänien! Das ist Europa? Ein uriges Land, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint: Das Pferd erfüllt noch seinen Zweck - ist noch kein Prestige-Objekt geworden; das Gras wird mit der Sense gehauen, das Feld mit den Rindern bestellt und das Brot zu Hause gebacken. Eine scheinbar ursprüngliche Idylle mit hilfsbereiten Menschen, die unter endlosem Müll in Feld und Flur erstickt.

Die Suche nach einem professionellen Hufschmied stellt sich als "Mission impossible" heraus. Zwar beschlägt jede Familie selbst ihre Huftiere - bloss wie?! Wir trauen diesen Basteleien nicht. Erst einige hundert Kilometer südlicher, in Bulgarien, werden wir dann fündig werden und hoffen, dass uns unser guter Stern weiterhin begleitet und die Eisen halten werden. Weihnachten verbringen wir im Kloster von Turnu. Im Heu mit all unseren Vierbeinern lauschen wir nach einem festlichen Schmaus den Gesängen der Mönche, während es nach Weihrauch duftet und der Nebel das Tal mystisch einhüllt. Bei +10 Grad bezwingen wir schließlich die letzten Pässe der Karpaten. Hier herrschen normalerweise klirrende Temperaturen um diese Jahreszeit. Und jetzt??? Eine Katastrophe: Bäume sprießen, Vögel brüten, und auch in Tigris hat das Wetter die Frühlingsgefühle geweckt: Schnurrend, miauend und sich in alle Richtungen wendend, posiert sie auf dem Sattel, um die rumänischen Kater anzulocken.



Von der Donau zum Bosporus – die letzten Kilometer


Schließlich begleitet uns die Gendarmerie schützend von Giurgiu über die Donau nach Ruse. Wir sind überrascht: Die Brücke gehört beinahe uns allein. Das ist auch gut so, denn die Hengste Maurice und Jeannot beobachten etwas unruhig die riesigen Containerschiffe und sehen dem riesigen kühlen Nass unter sich anfangs eher skeptisch entgegen. Die Begrüßung an der bulgarischen Grenze lässt schon erahnen, wie viel Liebe und Herzlichkeit uns dieses Land entgegenbringen wird. Ein kurzer Blick auf die Pässe: ein Foto von den Hengsten, ein anderes von Tufi, und unendlich viele von Tigris auf dem Sattel - kein Papierkram, sind wir doch nun wieder(!) in der EU. In den Gemeinden werden wir von den Einwohnern, von Fernsehen und Presse wie Stars empfangen, dabei sind wir doch nur Reisende - ok, wenn auch in Begleitung einer sattelfesten Katzendame... Die Bürgermeister heißen uns mit Geschenken persönlich in ihren Kommunen willkommen; Einwohner und Schulklassen applaudieren am Wegesrand und bitten sogar um Autogramme. Durch ganz Bulgarien werden wir so begleitet, manchmal sogar von der Polizei eskortiert! Man organisiert Unterkünfte, gastronomische Mittagspausen, das beste Futter für die Vierbeiner, Folkloregruppen, Pferdekenner, Übersetzer. Unser Abenteuer wird plötzlich zur liebevoll organisierten Pauschalreise. Nach drei Wochen nähern wir uns Svilengrad, um in die Türkei einzureisen; doch wie haben wir uns in Bulgarien wohl gefühlt!



Wir sind auf den Grenzübertritt gespannt. Mit etwas Bange denken wir an das Chaos mit Rumänien zurück. Aber Dank der Tierärzte und Bürgermeister beider Seiten sind alle Papiere vollständig, und zu unserer Überraschung begleiten uns die Polizisten in kürzester Zeit nach Kleinasien. Über unseren "Auftritt" mit Jeannot und Maurice ist man hier nicht sooo erstaunt - offensichtlich gibt es noch mehr romantische Vagabunden, die zu Pferd oder mit Eseln reisen. Aber wieder einmal ist unser Schmusetiger der Mittelpunkt: Tigris auf dem Sattel, neben dem Pferd, unter dem Sattelschutz – jede Position wird von den Grenzern fotografisch festgehalten! Sie ist wahrscheinlich die erste sattelfeste Katzendame (abgesehen von ihren Zirkuskollegen). Geschafft!



Den letzten Grenzposten passierend, ruft der Imam zum Gebet in die riesige Moschee zu Kanakulé. Gänsehaut und Tränen: Wir sind in der Türkei! Das Ziel ist greifbar nah; nur noch 250 Kilometer trennen uns vom Bosporus! Unsere erste Nacht in diesem völlig fremden Land: Mit "Händen und Füssen" fragen wir in einem winzigen Dorf nach Heu und einer Unterkunft. Eine Familie gibt uns Zeichen, auf ihren Hof zu kommen. Auf riesigen Kissen auf dem Boden des Wohnzimmers sitzend, trinken wir Tee. Tut das gut! Hund und Katz findet man eher selten in den türkischen Haushalten, sie leben draußen auf der Straße. Deshalb haben wir unseren beiden Lieblingen ein komfortables Strohbett im Stall gebaut – und so jagt Tigris sicher in dieser Nacht ihre erste türkische Maus! Gern möchten wir unseren Gastgebern erzählen, woher wir kommen, wohin wir gehen, was wir täglich erleben. Doch das rettende Wörterbuch haben wir noch nicht in der Satteltasche. Wir zeichnen also unsere Reise auf ein grosses Blatt Papier. Doch je mehr wir uns künstlerisch betätigen, desto größer wird das unsichtbare Fragezeichen über den Köpfen dieser liebevollen Familie. Wie ist das möglich? 9000 Kilometer mit Hund und Katz? Auch wir fragen uns...



Bevor wir uns Istanbul nähern, erweist sich die Stadt Edirne als großes Hindernis. Wie finden wir hier bloß eine Unterkunft für die Tiere? Diese Frage und der chaotische Autoverkehr beschäftigen uns bis ins Stadtzentrum ... Plötzlich wird es ruhig, und die Zeit scheint stillzustehen: An einer riesigen Kreuzung warten die Journalisten bereits auf uns. Nach vielen Interviews und Fotos organisieren sie mit der Hilfe des Bürgermeisters eine Bleibe sowie Heu und Stroh für die Pferde. Tufi, Tigris und wir werden in einem schicken Hotel einquartiert. Tierfutter, Abendessen, Stadtführung und einige Tage Ruhe! Wir sind beeindruckt. Doch nicht nur hier, auch in den darauf folgenden Dörfern und Städten begrüsst man uns wie VIPs. In Lüleburgaz beispielsweise schließt man extra das Hamam, das türkische (Dampf-)Bad, für die Öffentlichkeit. Der Bürgermeister meint mit einem breiten Lächeln: "Sie haben sich etwas Erholung zu zweit verdient." Und während wir bei absoluter Stille das erholsame Dampfbad geniessen, schmausen Jeannot und Maurice im Depot der Berufsfeuerwehr ihr verdientes Heu, und Tufi und Tigris haben sich im Wachturm zur Ruhe gelegt.



Die letzten Reisetage sind recht beschwerlich: Zu Fuss kämpfen wir uns durch riesige Industriegebiete und chaotischen Verkehr! Sogar unsere sattelfeste Katzendame, die wirklich fast alles gewöhnt ist, schlüpft unter den Sattelschutz, denn die völlig überladenen LKWs sind ihr doch etwas unheimlich. Abends werden wir für unsere Courage von den herzlichen türkischen Gastgebern belohnt. In Çorlu, 100 Kilometer vor den Toren Istanbuls, endet unsere Reise. Wir organisieren einen Van, um zu unserem Ruhepol in der Stadt am Bosporus zu gelangen. Weiterlaufen wäre wohl völliger Unsinn! Den Vor-Grossstadtstress ersparen wir unseren Vierbeinern.



Die Türkei - ein Land, in dem Gastfreundschaft wohl keine Grenzen kennt. Erst jetzt beginnen wir zu realisieren, was wir vollbracht haben: 9000 Kilometer - Schritt für Schritt. Man empfängt, interviewt, begleitet und bewirtet uns. Wir sind sprachlos und unendlich glücklich. Die Vierbeiner verdienen den meisten Respekt und viel, viel Ruhe! Treu haben sie uns an unser vorläufiges Ziel, dessen Kultur und Mentalität uns magisch in den Bann ziehen, begleitet. Die Hengste haben sich den Aufenthalt im luxuriösen Countryclub genauso verdient, wie Tufi und Tigris das kuschelige Sofa in unserer kleinen Wohnung. Für uns geht am Bosporus ein aufregender Lebensabschnitt zu Ende - ein neuer beginnt. Wir werden sesshaft... solange bis neue Flügel gewachsen sind.


Mehr Infos finden Sie auf http://romantischevagagunden.jimdo.com/!

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