von Anne Schmatelka
Seit Jahren wird in der Reiterei immer wieder das gleiche Thema diskutiert: ist ein Pferd „lang-rund-und-tief“ oder „eng-und-oben-dran“ zu reiten? Wann ist das „Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen“ korrekt und wann spricht man von Hyperflexion?
Wird ein Pferd nicht korrekt in die Tiefe geritten, sondern „zusammengezogen“, bedeutet dies für den weiteren Trainingsverlauf,
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dass das Pferd nicht ausreichend gymnastiziert wird /werden kann
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Hilfengebung, Sitz und Einwirkung des Reiters nicht eindeutig und unkorrekt erfolgen
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die Hilfen nicht korrekt „durchkommen“, d.h. vom Pferd nicht verstanden und damit nicht umgesetzt werden können
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Rücken- und Bauchmuskulatur des Pferdes nicht gefestigt sind und auch nicht trainiert werden, sondern lediglich versteifen
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das Pferd mit stelzender Hinterhand und ohne Hankenbeugung gearbeitet wird
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das Hinterbein immer langsamer wird und Erkrankungen vorprogrammiert sind

Von dem Pferd werden ständig Bewegungsabläufe und Leistungen gefordert, die es aufgrund fehlender Muskulatur oder unklarer Hilfengebung gar nicht richtig ausführen
kann und deshalb
Schmerzen aushalten muss. In der Folge entwickelt das Pferd zunehmend psychische und physische
Überlastungssymptome. Es versucht, die auftretenden Schmerzen zu vermeiden (zu kompensieren) sowie seine Angst vor diesen Schmerz zu beherrschen. Die daraus resultierenden körperliche Fehlhaltung führen zum Aufbau von Muskulatur an den falschen Stellen. Das Pferd verspannt und verkrampft sich, versucht – gemäß seiner Natur – zu fliehen, seinem Stress Luft zu machen etc. Die langfristigen Folgen sind dann gesundheitliche Probleme wie Reizungen / Entzündungen am Fesselträger,
Kissing Spines und vieles mehr. Pferde mit Kompensationsverhalten nutzen demnach nicht ihre volle Leistungsfähigkeit, da sie für die Kompensation Energie aufwenden müssen. Vielmehr trainieren sie die für die Kompensation benötigten Muskelgruppen und bauen somit unnötige Muskelmasse an den falschen Körperstellen auf. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Muskulatur nahezu immer völlig verspannt ist.
Der Aufbau dieser Kompensationsmuskulatur ist somit für die geforderte Leistung kontraproduktiv.

Weiterhin beeinträchtigen kompensierende Bewegungsabläufe die saubere und korrekte Ausführung von Lektionen. Die klare, saubere und korrekte Ausführung eines – an sich dem Pferd angeborenen und damit natürlichen – Bewegungsablaufes wie z.B. dem Trab wird deutlich gestört und behindert durch eine verkrampfte Muskulatur, einer Überlastung von Sehnen und Bändern oder auch des Ilio-Sakral-Bereiches (Kreuzdarmbeinbereich). Das Pferd wirkt hölzern, tritt mit den Hinterbeinen kurz oder macht Taktfehler und benötigt zu Beginn des Trainings viel Zeit, um sich „einzulaufen“. Weitere Folge sind Zügellahmheit und Pass.
In einer Dressurprüfung führt dieses Verhalten unweigerlich zu schlecht ausgeführten Lektionen und damit zu Punktabzug, respektive sogar zum Prüfungsausschluss.
Im Protokoll stehen dann Bemerkungen wie: „nicht korrekt gerittene Übergänge“, „Widersetzlichkeit bei Paraden“, „nicht durchgesprungener Außengalopp“, „Stellungs- und Biegungsfehler“, „schlechte Serienwechsel“, „ausdruckslose stelzende Piaffe“ und andere Fehler.
Was geschieht, wenn die Ursachen für das Kompensationsverhalten beseitigt sind?
Ohne die oben angedeuteten Auslöser zeigen Pferde auch kein Kompensationsverhalten, so dass die Aufgabe darin besteht, die auslösenden Faktoren zu identifizieren und zu beseitigen. Als Folgen zeigen sich durchweg positive Veränderungen im Verhalten des Pferdes, die wiederum die Freude des Reiters an seinem Pferd und seinem Reitsport verstärken. Die zu erwartenden Verbesserungen lassen sich wie folgt grob skizzieren:

1. eine bessere Gesundheit des Pferdes
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die Ursachen für körperliche Schmerzen sind beseitigt, kompensierende Körperhaltungen oder –bewegungen sind nicht mehr nötig
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Verkrampfungen der Muskulatur (Kompensationsmuskulatur) werden vermieden, Durchblutung der Muskulatur und Muskelaufbau werden verbessert
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die Verletzungsrisiken für z.B. Fesselträgerentzündungen, Sehnenschaden werden deutlich reduziert
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die Kosten für tierärztliche Behandlungen sinken spürbar.
2. eine Weiterentwicklung der Fähigkeiten des Reiters
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im Umgang mit seinem Pferd
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in der Beherrschung seines reiterlichen Handwerks
3. eine deutlich höhere Leistungsfähigkeit des Pferdes
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der Aufbau von Kompensationsmuskulatur und der Energieverbrauch durch die Beanspruchung dieser Muskulatur wird vermieden
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das Training der natürlichen und benötigten Muskelgruppen führt zu deren Stärkung und Entwicklung
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Kondition und Kraft des Pferdes nehmen zu.
4. eine bessere Ausführung von Lektionen
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die Qualität der Ausführung wird besser, da zum einen störende Bewegungsabläufe fehlen, zum anderen die Konzentration des Pferdes weniger gestört ist
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Turniererfolge stellen sich leichter ein.
Fazit
Pferde mit Kompensationsverhalten sind nicht in der Lage, alle ihre Fähigkeiten auszuspielen. In vielen Pferden steckt mehr Potential! Wir verlangen unseren Pferden meist ein sehr hohes Leistungsniveau ab. In der wahrscheinlich überwiegenden Zahl der Fälle wollen unsere Pferde das verlangte Niveau auch leisten. Die aufgezeigten Ursachen für Kompensationsverhalten verhindern dies jedoch in (zu) vielen Situationen.
Die skizzierte Problematik hat somit Ähnlichkeit mit dem Fahren eines Autos mit gezogener Handbremse: wenn wir sie lösen, sparen wir nicht nur Sprit und Reparaturkosten (z.B. für die Bremse) sondern fahren hinterher auch noch schneller und bequemer.
Der Weg, die „Handbremse“ bei unseren Pferden zu lösen, mag etwas aufwendiger sein als bei unserem Auto. Dennoch lohnt es sich angesichts der erzielbaren Resultate....
Unsere Autorin Anne Schmatelka ist hauptberuflich Verhaltenstrainerin (Führungsseminare und Coachings in der Industrie) und reitet selbst Dressur bis Klasse S.
Mehr Infos finden Sie unter
www.reitertipps24.com.