| DAP-Kongress „Gesundheit Pferd“ |
Falsches Reiten macht Pferde krank Datum der Nachricht: 21.12.2009 Warendorf (fn-press). „Solange für bestimmte reiterliche Maßnahmen und Ausbildungsmethoden wissenschaftlich nicht eindeutig nachgewiesen ist, dass damit keine Schmerzen, Leiden, Ängste und Schäden verbunden sind, sollte nicht von der Jahrhunderte zur Gesunderhaltung gewachsenen Ausbildung der Reitpferde, die in den Richtlinien für Reiten und Fahren niedergelegt ist, abgewichen werden.“ Mit dieser Aussage schloss Professor Dr. Peter Stadler von der Tierärztlichen Hochschule Hannover unter dem Applaus von 150 Gästen seinen Vortrag „Schmerzen und Leiden beim Pferd“, den der Tierarzt im Rahmen des Kongresses „Gesundheit Pferd“ der Deutschen Akademie des Pferdes Ende November in Warendorf hielt.
Seinen Vortrag entwickelte Professor Stadler, indem er den Umgang mit dem Pferd und das Leben des Pferdes in unserer Gesellschaft am Tierschutzgesetz maß, das auf die Veranwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf zielt, dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen ist. Niemand darf danach einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, heißt es dort in Paragraf 1. Zunächst erinnerte Professor Stadler an die Warnfunktion des Schmerzes, um den Körper vor - weiteren - Schäden zu bewahren. Da das Pferd ein für Beutetiere typisches stoisches Schmerzverhalten zeigt, besteht die Gefahr, dass Schmerzen nicht erkannt oder unterbewertet werden. Als Fluchtier „verheimlicht“ das Pferd Schmerzen, um seinen Feinden Krafteinbuße nicht zu offenbaren und damit leichte Beute zu werden. „Die Ursache für den historischen Irrtum einer fehlenden `Schmerzfähigkeit´ beim Pferd liegt in der Unkenntnis oder bewussten Verdrängung des beute- und fluchttierspezifischen arteigenen Verhaltens des Pferdes in Schmerzsituationen.“ Das stille Leiden – Pferde zeigen bei Schmerz keine Lautäußerungen – scheint allerdings nur bis zu einem gewissen Schmerzgrad möglich. Als Beispiel nannte Stadler die Kolikschmerzen beim Pferd. Die Schmerzbewertung beim Pferd sei daher meist nur indirekt möglich, indem eine Vielzahl von Anzeichen gedeutet werden wie kleine Augen, „stumpfer“ Blick, Abwesenheit, schmal zusammengekniffene Nüstern und Maul, „Schmerzgesicht“. Hinzukommen Ruhelosigkeit, Zähneknirschen, aufgeschürzter Bauch, Angst, Aggression, Meideverhalten.
Während Schmerzen eine körperliche Komponente haben, kommt beim Leiden eine psychologische Komponente hinzu. „Auch bei dieser Abweichung vom Zustand des Wohlbefindens muss die Eigenschaft des Pferdes als Bewegungs- und Fluchttier berücksichtigt werden.“ Leiden könne entstehen durch nicht artgerechte Haltung wie Hunger, Durst, fehlender Kontakt zu Artgenossen, fehlende Bewegungsmöglichkeit, fehlende Pflege (zum Beispiel Hufpflege), Angst ohne artgerechte Möglichkeit der Reizbeantwortung durch Flucht oder Aggression sowie unter Zwang erwirkte Leistung mit Resignation und erlernter Hilflosigkeit. „Die erlernte Hilflosigkeit muss als Zeichen der Resignation auf Grund des erfolglosen Widerstandes gegen die artwidrigen und subjektiv für das Pferd lebensbedrohlichen Einflüsse des Reiters gewertet werden“, sagte Professor Stadler. Dem Laien oder dem nicht gefühlvollen Reiter bleibe das Leiden beziehungsweise deren Ursache nicht selten auch dann verborgen, wenn es sich in reduzierter Leistungsbereitschaft oder sogar Apathie äußere. Komme dann noch reduzierte Fresslust oder stumpfes Fell hinzu, wird die Ursache in der Regel auf medizinische Hintergründe verlagert und ein Zusammenhang mit der reiterlichen Einwirkung ausgeschlossen. „Falsches Reiten macht krank. Wir Tierärzte werden immer mehr mit dem Problem der Unrittigkeit konfrontiert. Die Ausbildung des Reiters können wir aber nicht leisten.“
Zuvor erläuterte Carsten Rohde (Wachtberg), Mannschaftstierarzt der deutschen Vielseitigkeitsreiter, was alles beim umfassenden gesundheitlichen Management des Sportpferdes zu beachten ist. „Der Weg, der zum Sportpferd führt, ist entscheidend“, so Rohde. Nur wenn das „Gesamtpaket“ von der Fütterung bis zum langfristigen Training und von der richtigen Versorgung der Hufe bis zur Früherkennung von möglichen Krankheiten und Verletzungen stimmt, dann kann man von richtigem gesundheitlichem Management sprechen. Nach einem Krankheitsfall oder einer Verletzung sei es um so wichtiger, dass das Pferd wieder behutsam und graduell an die Belastung herangeführt wird. „Nur so lassen sich auch spätere Verletzungen vorbeugen.“
Auch Dopingprävention war natürlich ein Thema: Doping kann durch das Reglement alleine nicht verhindert werden. Es wird immer Individuen geben, die sich bewusst über alle Regeln hinwegsetzen. Intensive Aufklärung und Informationen für alle beteiligten Personen kann jedoch entscheidend dazu beitragen, weitere Medikations- oder Dopingfälle zu vermeiden. „Gutes Management ist auch hier der beste Beitrag zur Vermeidung positiver Medikationskontrollen.“ Hierzu gehöre bei allen Pferden die Führung eines Stallbuches, das Vermeiden des Gebrauches bestimmter Medikamente, die Kommunikation mit Pflegern, Tierarzt und Verband sowie der Einsatz von bekannten und unbedenklichen Futterzusatzmitteln. „Doping ist in keiner Sportart nur ein Phänomen des Spitzensports,“ sagte Rohde.
Physiotherapeut Stefan Stammer (Schweiz) erklärte, dass zur sogenannten funktionalen Anatomie weit mehr gehört, als die den meisten bekannte Brückenkonstruktion des Pferderückens. Er konnte deutlich machen, dass die Zusammenhänge der klassischen Reitlehre auch aus anatomischer und sportwissenschaftlicher Sicht richtig sind. Die entsprechenden Übungen und Lektionen zeigen aber nur die gewünschte Wirkung , wenn sie richtig ausgeführt werden.
In der Praxisvorführung, kommentiert von Christoph Hess, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung, und Stefan Stammer, zeigte sich, wie schwierig die Beurteilung sein kann. Wird ein Pferd nur mit etwas tieferer Kopf-Hals-Haltung gymnastiziert oder gehört das schon zu den inakzeptablen Trainingsmethoden? Die intensive Diskussion zeigte, dass sich richtiges Training mit Pferden immer an den Grundsätzen der Richtlinien für Reiten und Fahren messen lassen muss – unabhängig von der Form und Haltung des Pferdes -, wenn man die Bedeutung der klassischen Reitlehre nicht grundsätzlich in Frage stellen will.
Weitere Informationen: Der gesamte Vortrag „Schmerzen und Leiden beim Pferd“ von Professor Dr. Peter Stadler ist ab Montag, den 7. Dezember, auf den Seiten der Deutschen Akademie des Pferdes unter www.pferd-aktuell.de zu finden.
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