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 Wieso müssen Pferde das erdulden?
Die Hyperflexion - Nichts als Angst und Schmerz
Datum der Nachricht: 03.07.2010
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von Anne Schmatelka


Die Rollkur, neudeutsch Hyperflexion genannt, ist eine Art der Überzäumung. Sie wurde in den letzten Jahren in den Medien heftig kritisiert und hinlänglich diskutiert. Die FEI (die internationale Reitervereinigung) hat jetzt mit entsprechenden Sanktionen für das Reiten mit dieser Methode auf dem Turnierplatz reagiert. Und das obwohl sie die damit nachweislich verbundenen gesundheitlichen Schäden in Frage stellt. Was für eine Leistung!

Man wird künftig zwischen Rollkur (herbeigeführt durch grobe Hilfen und Einwirkung) und dem Low, Deep and Round“-Reiten (LDR) (Nase vor die Brust ziehen ohne grobe Hilfen) unterscheiden. Die Stewards auf internationalen Turnieren werden fortgebildet, um hier konsequent eine Entscheidung zu treffen, wann der Reiter zu verwarnen ist und wann nicht!

Hyperflexion heißt:
Ein Pferd wird durch massive Handeinwirkung und sehr / zu kurze Zügel in eine Überzäumungsposition gezwungen, bei der Kopf vor die Brust gezogen wird. Die Situation Hyperflexion ist laut FEI dann gegeben, wenn das Pferd über einen Zeitraum von mehr als 10 Minuten in diese Haltung gezwungen wird. Die Frage ist, beginnt der körperliche und seelische Schmerz durch Hyperflexion für das Pferd erst nach 10 Minuten?

Low Deep Round:
Bei LDR, also Low, Deep, Round, handelt sich um eine Kopf-Hals-Stellung, bei der Pferde diese Haltung ohne massiven reiterlichen Druck und grobe Einwirkung durch Hand und Sitz - also quasi von alleine – einnehmen. Heißt, wenn sich das Pferd mit der Nase vor der Brust hinter die Senkrechte verkriecht und der Reiter nicht mehr zerren und ziehen muss.

Was geschieht mit einem Pferd, das sich in diese Haltung begibt / begeben muss?
  • Das Sichtfeld des Pferdes ist massiv eingeschränkt!
  • Der Luftröhrenquerschnitt verringert sich nachweislich in nicht unerheblichem Maße, sprich das Pferd kriegt keine Luft!
  • Muskeln, Bänder, Knochen und Gelenke müssen nach einer gewissen Zeit stark schmerzen!
  • Pferde, die über einen längeren Zeitraum in dieser Haltung geritten werden, verändern die Stellung ihres Beckens, ihr Gangmuster und die gesamte Muskulatur!
  • Es kommt unter anderem zu Schäden im Bereich des Nackenbandes, dort ansässigen Schleimbeutels, darüber hinaus zu Schwellungen und Entzündungen.


  • Soweit der rein medizinische Aspekt der Hyperflexion.

    Was bedeutet die Rollkurhaltung für die Psyche des Pferdes?
  • Das Pferd als Fluchttier kann seine Umgebung nur noch eingeschränkt wahrnehmen und mögliche Feinde zu spät oder nicht erkennen, seinem Fluchtinstinkt somit nicht mehr folgen.
  • Das Pferd befindet sich in einer extremen Unterdrückungshaltung.
  • Das Pferd muss – menschlich formuliert – permanent Angst haben zu ersticken.
  • Das Pferd hat Schmerzen und kontinuierlich Angst vor erneutem Schmerz!!
  • Das Pferd wird irgendwann aufgrund der psychischen Belastung innerlich aufgeben.
  • Es wird zwangsläufig zu Wesensveränderungen kommen. Entweder in Form von Widersetzlichkeit (als Form der Flucht vor dem Schmerz / der Unterdrückung) oder in Form von Unterwerfung (stillschweigendes Ertragen der Situation).
  • Es kommt zu einer Veränderung des natürlichen Instinktverhaltens.



  • Reiterin demonstriert die Hyperflexion. Das Sichtfeld des Pferdes ist stark eingeschränkt. Atmung behindert und Ohrspeicheldrüse gequetscht. Nackenband überdehnt, das Pferd hat massiv Stress! Jedoch ist diese Demonstration noch HARMLOS.

    Und LDR?
    Jedes Lebewesen, das über einen längeren Zeitraum, sagen wir sechs bis acht Wochen, in eine bestimmte Haltung gezwungen wird, wird sich irgendwann automatisch in diese Haltung begeben. Es handelt sich dann um eine Art Unterwerfungsverhalten oder Schicksalsergebenheit.

    In der Psychologie spricht man von einer künstlichen Abänderung der Triebe: „Auch die künstliche Abänderung der Triebe, die Dressur, beruht vielfach auf der Möglichkeit, das Tier in einen Zustand der Not zu versetzen.“ …. Die schwierigsten Leistungen werden mit der Erwartung eines Leckerbissens, der Nichtbefolgung der Befehle mit der Furcht einer drohenden Strafe assoziiert…“ (Stefan von Maday, Psychologie des Pferdes und der Dressur, Seiten 49; 50)

    Ergänzend sei hier aufgeführt:
    Dieser Zustand der Not reduziert sich nicht allein auf die Dressur. Es gilt für alle Sparten des Pferdesportes – wenn er falsch ausgeführt wird.

    Das bedeutet übersetzt auf die Hyperflexion aus Sicht des Pferdes:
    „Ob ich mich nun wehre oder nicht, ich muss mich sowieso mit der Nase vor der Brust misshandeln lassen. Wenn ich mich dagegen wehre, tut es noch mehr weh, da ich mit noch mehr Druck rechnen muss, also mache ich es gleich, dann ist der Schmerz nicht so groß, respektive aufgrund der Gewohnheit weniger stark wahrnehmbar!“

    Ein Lebewesen empfindet nach einem gewissen Zeitraum sogar ein Art Wohlempfinden in der Zwangshaltung, denn ist geschieht nichts Unerwartet neues, was weitere Ängste und Stress auslösen könnte. An den Schmerz hat es sich mittlerweile gewöhnt.

    Dazu ein Beispiel:
    Man hat über einen Zeitraum von zwei Wochen Mäuse eingesperrt und ihnen in regelmäßigen Abständen einen Stromschlag verpasst. Dieser war nicht tödlich, für die Maus jedoch äußerst schmerzhaft. In den ersten Tagen wurden die Mäuse jedes Mal völlig panisch und hektisch, wenn der Zeitpunkt für den Stromschlag näherkam. Je länger der Test lief, umso weniger reagierten die Mäuse, nach knapp einer Woche zuckten sie nur noch. Nach 7 Tagen warteten die Mäuse nur noch apathisch auf den Stromschlag ohne eine Regung zu zeigen.

    Das heißt, anfänglicher Stress und Angst weichen einer Art Gleichgültigkeit oder Selbstaufgabe, wissend, dass man sich dem Schmerz, dem Druck oder wie bei der Hyperflexion der Unterdrückung in Verbindung mit Schmerzen nicht entziehen kann. Genau wie sich ein Mensch an permanente Kopfschmerzen gewöhnen kann und diese irgendwann einfach erträgt, ohne sie noch als extremen Schmerz zu empfinden, kann sich ein Pferd an permanente Schmerzen gewöhnen. Es arrangiert sich irgendwie mit seinem Schicksal.



    Wenn also ein Pferd über Monate, meist Jahre in Hyperflexion geritten wird, ist es naheliegend, dass es seine Nase irgendwann automatisch durch Unterwerfung in diese Position führen wird. Das heißt, durch die individuell negative Lernerfahrung entsteht eine Abänderung der Instinkte, das heißt, das Pferd begibt sich instinktiv in diese Position.

    Hat sich irgendjemand darüber Gedanken gemacht, wie groß die psychische Belastung des Pferdes in diesem Zusammenhang ist / gewesen sein muss?
    Wie viel Schmerz und Furcht das Tier erfahren haben muss?
    Wie muss das Pferd seinen Peiniger wahrnehmen?
    Wie sehr und wie lange muss es leiden / gelitten haben, bis es sich automatisch in diese Position begeben hat?

    Psychische Überlastung bedeutet immer körperliche Schmerzen und körperliche Schmerzen weitere psychische Überlastung!


    Ein Teufelskreis, der sich fast kaum noch stoppen lässt. Menschen gehen in Therapie, wenn die Psyche überfordert ist und Pferde? Sie werden meist solange weiter ge-(über)fordert, bis sie innerlich ganz aufgegeben haben und verkümmern.

    Was tun wir der Seele unserer Pferde an, wenn wir – wie die FEI – eine solche Vereinbarung herbeiführen und diese dann als wegweisende Veränderung verkaufen?



    Unsere Autorin Anne Schmatelka ist hauptberuflich Verhaltenstrainerin (Führungsseminare und Coachings in der Industrie) und reitet selbst Dressur bis Klasse S.

    Mehr Infos finden Sie unter www.reitertipps24.com.

    Hier gibt es einen weiteren Bericht von Anne Schmatelka: Kompensationsverhalten in der Dressur





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    Das neue Buch von Anne Schmatelka erscheint im Februar 2011:
     
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