Reiten wir heute noch nach den Erkenntnissen, die uns die klassische Reitkunst bietet ?

Wenn das Dressurviereck Ihr zweites Zuhause ist, können Sie hier darüber berichten.

Reiten wir heute noch nach den Erkenntnissen, die uns die klassische Reitkunst bietet ?

Beitragvon News-Moderator » 16.01.2011 14:47

Reiten wir heute noch nach den Erkenntnissen, die uns die klassische Reitkunst bietet ?




Durch harte Handeinwirkung rückwärts gerittenes Pferd !
Dadurch verändert sich die Muskulatur (zum Negativen).
Das Pferd wird kantiger und hat keine harmonisch runde Oberlinie mehr.
Hier an der kantig-krampfigen Form der Kruppe zu erkennen !




Heute ist es „In“ von klassischer Reitkunst zu sprechen und sich auf die großen Meister der Vergangenheit zu berufen. Immer mehr Menschen bieten uns DIE Methoden und DIE Lösung reiterlicher und gesundheitlicher Probleme für unsere Pferde und behaupten dann, es sei klassisch.



Gustav Steinbrecht, Waldemar Seunig, Von Heydebreck, La Guerinière, Alois Podhajsky, um hier nur einige bekannte Namen zu nennen, werden zitiert, um die Richtigkeit des eigenen Handelns und Reitens zu dokumentieren.



Auch die Methoden, die sich ich den letzten Jahrhunderten als nicht umsetzbar, nicht geeignet erwiesen haben, um ein Pferd gesund zu erhalten, kommen wieder mehr und mehr in Mode und verunsichern einen Großteil der Reiter, da man die Menge an Informationen heute selbst gar nicht mehr verarbeiten kann.



Um für sich selbst einen Punkt zu definieren, der hilft, das Gute vom weniger Guten zu unterscheiden, können wir allgemeingültig sagen:



Jede Methode, die die Schwungentwicklung aus der Hinterhand nicht zur Basis ihrer Arbeit macht ist langfristig schädlich.
Jede Methode, die verfolgt: Man müsse nur die Zügel locker hängen lassen und keine Verbindung zum Pferdemaul fühlen, sind nicht geeignet, ein Pferd bis in ein hohes Alter gesund zu erhalten.




Das Pferd ist ein Fortbewegungsmittel mit Heckantrieb !



Für jedes Pferd ist die Schwungentwicklung aus der Hinterhand unverzichtbar. Denn ausschließlich darüber ist ein Herantreten an die Hand des Reiters möglich, das fein und mit Leichtigkeit erfolgen muss.



Dazu ein passendes Zitat eines Gegners der Methoden von Francois Baucher (dem
Begründer der Légèreté):
„Ich lehne jede Lehre ab, die dem Pferd den Schwung nimmt !“
Prinz von Nemours, 1847, Bruder des Herzogs von Orléans




Der Herzog von Orléans war der größte Gönner von F. Bauchers



Viele berühmte Hippologen, namhafte Tierärzte und erfahrene Reiter haben das bis heute vielfach wissenschaftlich bewiesen und aufgrund der über Jahrhunderte gemachten Erfahrungen immer wieder überprüft und verifiziert. Dennoch kommen diese Methoden wieder auf den Markt und werden mit aller Macht nach Vorne gebracht.



Wichtig: „Rückwärtsreiten geht immer zu Lasten der Gesundheit und ehrliche Losgelassenheit ist nicht möglich !“
Aus: „Kissing Spines - Na und?!“ A. S.




Das macht unsicher !



Welche Wege soll man gehen, wenn sich diese Menschen so medienwirksam als die Retter der Reiterei vermarkten, immer mehr Anhänger finden und die vordergründig so feine Reiterei als den einzig gangbaren Weg verkaufen ?

Es ist ja auch schön: Man hockt auf seinem Pferd und ein Gefühl von bequemem Sitzen macht sich breit.

Das Problem ist, dass ein Pferd, das nicht aktiv von hinten nach vorne an die Hand heran tritt, zwar vordergründig bequem erscheint, aber Schwung weg zu reiten, heißt Verspannungen und Verkrampfungen hin zu reiten. Es führt zu falschen Belastungen. Falsche Muskelbelastung heißt immer: Muskeln werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, nicht mehr ausreichend gymnastiziert, Gelenke, Sehnen und Bänder falsch belastet. Das Pferd hoppelt nur noch auf der Stelle. Diese Form des Reitens ist ein Grund dafür, dass wir heute so viele schlecht gerittene, fehlbemuskelte und kranke Pferde sehen.

Will man sich mit der Klassik beschäftigen, ist ein großer Meilenstein die HDV12, die die Basis der heutigen Skala der Ausbildung ist und von dem großen Reitersmann Hans von Heydebreck mit entwickelt wurde. Er hat auch die Bücher: „Die deutsche Dressurprüfung“ und „Das Gebrauchspferd“ geschrieben.

Würden wir das zur Grundlagen nehmen würden und konsequent an unserem Sitz arbeiten würden, hätten wir heute nicht so viele Pferde mit Rückenproblemen und anderen Erkrankungen.



Schauen wir einmal kurz hinein in die klassische Reitlehre. Nehmen einige wenige Aussagen, analysieren diese.

Es scheint, als dass wir zwar viel reden, wohl aber nicht wirklich wissen, worüber…..



Wie ein Pferd dem Betrachter unter dem Sattel erscheinen soll:

„Von den Ohren bis zum leicht und locker getragenen Schweif verläuft die obere Linie des Pferdes in einem leicht geschwungenen, wellenförmigen Bogen; nirgends ist eine scharfe Ecke….“
Hans von Heydebreck,„Die deutsche Dressurprüfung“, 1928




Von Heydebreck beschreibt das gesunde, gut gerittene und korrekt bemuskelte Pferd. Was sehen wir demgegenüber heute:

Oberlinien, die aussehen wie Hügellandschaften, mit Ecken und Kanten. Die Hinterhand erinnert eher an die eines Windhundes als an einen gut bemuskelten Motor, der verrät, dass der Schub von ihr ausgeht. Dünne Oberhälse mit falschem Knick und stark bemuskeltem Unterhälse, abgemagerte Pferde trotz ausreichend Futter und vieles mehr.



Deutliche Hinweise, dass etwas grundlegend falsch läuft…. Aber wenige nur scheinen das zu erkennen.

Und auch sehr wenige scheinen es wirklich wissen - zu wollen….



Über die Zeit
„.... Aber auch die rastlose Eile, jenes gleichsam im Fluge Erstreben und Erreichenwollen,
welches unsere Zeit charakterisiert, ist ein Hauptgrund der Vernachlässigung.
Die Schule erfordert viel Zeit, dem denkenden und konsequenten Reiter, der sich eine ausgebildete Technik angeeignet, wird es nur langsam gelingen, das hohe Ziel zu erreichen.... „
Louis Seeger,
System der Reitkunst, 1844




Schon zu seiner Zeit musste es scheinbar viel zu schnell gehen, sich Pferde in viel zu kurzer Zeit entwickeln.
Wenn das damals schon so war. Wie schnell wird es im Vergleich wohl heute gehen (müssen) ?
Und das alles, obwohl sich Muskeln nur millimeterweise entwickeln können, egal wie schnell und wie früh wir Lektionen trainieren, große Hindernissen überwinden oder endlos lange Ritte vornehmen.



Gesundheit und Wohlbefinden versus Erfolg und Geld?



Ausbildung der Remonte (Alter 3-5 Jahren)
… Die Zeit zur Biegearbeit auf einem Hufschlage, wie sie die Bewegung auf dem Zirkel wegen der erhöhten Belastung des inneren Hinterbeine nun einmal mit sich bringt, ist noch lange nicht gekommen, und unser Bestreben sollte dahin gehen, bald auf möglichst langen, durch keinerlei Richtungsänderung unterbrochenen Linien die Grundlagen für natürlichen Gang und natürliche Haltung zu schaffen, ….“
Waldemar Seunig, Von der Koppel bis zur Kapriole, 1943




Warum wurde nach dieser Methode verfahren?



Der Hintergedanke der großen Reitmeister war ein einfacher und auch sehr logischer: Durch das zwanglose bergauf und bergab Reiten im Gelände in freien Gängen (Trab und Galopp), konnte die junge Remonte ihren Schwung entwickeln, Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke stärken und innere und äußere Losgelassenheit erreichen.

Das war die Aufgabe der jungen Remonte in den ersten zwei Jahren, um dann im Anschluss ihrer jeweiligen Spezialisierung zugeführt zu werden.

Ergebnis: Das Pferd blieb länger gesund und war bis ins hohe Alter noch als Reitpferd zu gebrauchen.



Was wir heute sehen oder besser nicht sehen ?
Wo sieht man heute noch junge Pferde im Gelände ?

Vielleicht gerade noch im Freizeitbereich.

Vielleicht noch den ein oder anderen Vielseitigkeitsreiter – vielleicht.



Dressur- und Springpferde erleben die ersten Jahre fast nie im Gelände. Sie kommen mit viel Glück noch auf die Weide oder vielleicht auf einen Paddock. Was ist mit Junghengsten? Gerade dann, wenn sie auf die Körung vorbereitet werden ?



Dressurlektionen wie heute schon mit 3,4 und 5 Jahren gefordert, gab es nicht, Sprünge in hohen Höhen, um zu testen, wie viel das junge Pferd denn leisten kann, wurden erst gar nicht angedacht, weil man wusste, dass Knochen und Gelenke das gar nicht halten können.



Dafür erleben wir heute 3-jährige Pferde in Turnierprüfungen, auf dem Bundeschampionat.

Haben wir einmal darüber nachgedacht, was für eine psychische und physische Belastung wir den Pferden zumuten und zu welchem Preis ?

Allein darüber schaffen wir die Basis für körperliche und seelische Schäden.

Durch viel Halle und wenig Freilauf kommen die Pferde verspannt aus der Box, sind verspannt unter dem Reiter und gehen dann wieder verspannt zurück in ihren Stall.

Was für ein trostloses Dasein…..und wie lange bleiben sie so gesund … körperlich und seelisch ?



Zum Schritt



Im ersten Ausbildungsabschnitt wird der Schritt nur am langen Zügel geritten, soll frei und natürlich sein und dient in erster Linie zum Ausruhen des Pferdes…..Erst wenn das Pferd im Trabe eine sichere Anlehnung und dabei schon Selbsthaltung und Durchlässigkeit gewonnen hat, kann der Reiter versuchen, auf die Ausführung des Schrittes Einfluss zu gewinnen.“
Gustav Steinbrecht,
Gymnasium des Pferdes, 1884




„… Der freie Schritt mit ganz hingebenem, am hingegebenen und später am langen Zügel ist diejenige Schrittform, in der wir das junge Pferd in den ersten zwölf Monaten seiner Ausbildung reiten. Die Selbsthaltung dabei ist eine natürliche, die Halsfreiheit anfangs eine fast unbegrenzte.“
Waldemar Seunig,
Von der Koppel bis zur Kapriole, 1943








Was haben sich die großen Reitmeister dabei gedacht ?
Oberstes Ziel ist der Erhalt der Qualität des Schrittes und der Erhalt des reinen Taktes. Der Schritt ist die Gangart, die wir mit zu kurzen Zügeln, falschen Einwirkung durch Sitz und Hand am schnellsten zerstören können. Gebunde Tritte, Taktfehler und Pass sind die Folge.



Die heute Realität:
Drei und vier jährige Pferde werden schon im Schritt mit viel zu kurzen Zügeln geritten. Sie sollen an die Hand herantreten ! Wie denn ? Noch nicht einmal ausbalanciert und ohne die notwendige Muskulatur werden die Pferde in eine Haltung gezwungen, die es ihnen unmöglich macht, sich auszubalancieren, die richtigen Muskeln an den richtigen Stellen zu entwickeln, einen geregelten Schritt zu erhalten.
Auch das ein Grund, warum heute so viele Pferde taktreinen Pass gehen.



Der Trab
„Den starken Trab vermeide man so lange, bis das Pferd so weit geschult ist, dass seine Knochen und Sehnen fest und widerstandsfähig sind, seine Haltung leicht und sicher und die Hinterhand gut durchgebogen ist, ihre Aufgabe des Vorwärts- und Unterschiebens energisch aber zwanglos vollführt, ohne in krampfhaftes, häufig ungleiches Abstoßen zu verfallen.“
Stensbeck, Walzer, Dreyhausen
„Grundzüge der Reitkunst“, 1930





Junges Pferd, das sich noch nicht in korrekte Anlehnung begeben kann.
Vor allem nicht auf gebogenen Linien und in Wendungen.




Der natürliche Takt und der Erhalt desselben muss unser oberstes Ziel sein. Zu viel Verstärkungen und zu früh, gehen immer zu Lasten der Gesundheit und zu Lasten der natürlichen Entwicklung des Pferdes.

Und doch wollen wir es scheinbar immer früher sehen: Das spektakuläre Gestrampel durch die Diagonale im Mittel- wie im starken Trab. Selbst der sogenannte Arbeitstrab muss heute schon von Ausdruck und viel Dynamik – vor allem - aus der Vorhand gekennzeichnet sein.
Ist das richtig ?



Der Galopp
„Ein Pferd, das mit tätiger Hinterhand und guter Hankenbiegung Galopp geht, wird dem Reiter stets angenehm in der Hand bleiben.“
Stensbeck, Walzer, Dreyhausen
„Grundzüge der Reitkunst“, 1930








Der losgelassene, aktive Galopp aus dem Hinterbein kann sich nur entwickeln, wenn das Pferd gerade in den ersten Jahren frisch und frei vorwärts galoppieren kann. Und trotzdem üben wir mit dem vier- und fünfjährigen Pferde schon die Versammlung bis zur Überlastung, den Außengalopp und die Serienwechsel. Wir üben das mit einem Pferd, das vom Entwicklungsstand eigentlich noch ein Kind ist.

Man hatte schon vor hundert Jahren die Erkenntnis, dass zu frühe Versammlung das junge Pferd zerstört.



Haben wir das vergessen ?



Über die Gänge allgemein….







„....so bringt das unverdorbene junge Pferd seine Gänge vielleicht nicht ergiebig, auch nicht besonders schwunghaft, aber doch sauber im Rhythmus von der Natur mit, und erst die Einwirkung der Zügel, die Entwicklung von Tritten vor der Festigung der Selbsthaltung, ergeben diese unglücklichen Tiere, denen man sogar die natürlichen Bewegungen abdressiert hat.“
S. Freyer, Polizei Major.
Aus „Neues Reiten“ von 1929




Diese Ausführungen könnten wir jetzt auf alle Lektionen übertragen, wir würden in allen großen Klassikern Hinweise und Anregungen finden, wie man es richtig macht, aber heute in der modernen Dressur und im Turniersport, machen wir alles anders und glauben, es sei alles besser!?
Und dann, ja dann reden wir von KLASSISCH !?!?



Horst Niemack hat einmal gesagt:
„Es gibt nichts Neues zu erfinden, nur Bewährtes zu bewahren !“
Und Paul Stecken sagt immer:
„Richtig reiten reicht !“



Also: Tun wir es doch – wieder !



Anne Schmatelka



Unsere Autorin Anne Schmatelka ist hauptberuflich Verhaltenstrainerin (Führungsseminare und Coachings in der Industrie) und reitet selbst Dressur bis Klasse S.



Mehr Infos finden Sie unter www.reitertipps24.com.
News-Moderator
Pferdeverrückt!
 
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Registriert: 04.02.2010 13:30

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