Am Donnerstag, den 27. September 2007 stellte Beatrix Schulte Wien auf der Reitanlage „Buocher Höhe“ in Remshalden im Rahmen eines interessanten Vortrags zum Thema „Der Sattel – Bindeglied zwischen Pferd und Reiter“ die Kriterien für einen passenden Sattel aus osteotherapeutischer Sicht vor.
Beatrix Schulte Wien ist Krankengymnastin, Sportphysio-, Manual-, Human- und DIPO Pferdeosteotherapeutin, aktive Dressurreiterin und Amateurreitlehrerin (FN). Seit 1975 ist sie als Krankengymnastin in eigener Praxis tätig, seit 1995 ausschliesslich als Osteotherapeutin. Sie gründete 1997 das Deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) in Dülmen/Westfalen mit angegliedertem Dressurstall. Sie hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht und Vorträge zum Thema "Pferdeosteopathie" gehalten. Sie ist Verfasserin des ersten Buches über Pferdeosteopathie.
Schwerpunkt der praktischen Tätigkeit ist die Behandlung von Pferden und Reitern. Was die alten Meister über den Sitz des Sattels gewusst haben, gilt auch heute noch: Schon der Musketier am französischen Königshof, Du Paty de Clam, schrieb vor über 200 Jahren, dass der Sattel dazu beitragen muss, die Schwerkraft des Reiters mit der des Pferdes in Übereinstimmung zu bringen. Er studierte dazu an Menschen- und Pferdeskeletten und setzte sich mit den Gesetzen der Mechanik und Physik auseinander. Für seine herausragenden Arbeiten wurde er in die Akademie der Wissenschaften und der schönen Künste in Bordeaux berufen. Auch die alten, deutschen Militärsättel basieren auf diesen Grundlagen. Ihre Oberlinie und Reitersitzpunkte entsprechen der Form des Pferderückens.
Leider haben sich in den vergangenen Jahrzehnten Verschiebungen in der Sattelkonstruktion zum Nachteil des Pferdes ergeben. Für die Beurteilung einer korrekten Sattellage ist das Verständnis von der Statik von Pferd und Reiter zwingend erforderlich. Nur wenn die Massenschwerpunkte dieser beiden Parteien in Übereinstimmung liegen, ist eine zwingende Voraussetzung für einen passenden Sattel erfüllt.
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Der Sattel bestimmt, wie und wo der Reiter getragen wird und mit welcher mechanischen Intensität dessen Aktionen und Reaktionen auf das Pferd übertragen werden.“
(Peter Menet)Ausgehend von den anatomischen Gegebenheiten, wie dem Skelett, aber auch anhand des Nervensystems, der Blutbahnen und der Muskulatur des Pferdes zeigt Beatrix Schulte Wien, warum es nur eine Passform für einen Sattel geben kann – nämlich die des zum Pferdrücken passenden Sattelbaums. Die Form des Sattelbaums muss der Oberlinie des Pferdes entsprechen, damit die Konturen der Sattelkissen präzise der Form des Pferderückens folgen können. Die Wahl des Sattelbaumtyps hängt allein vom jeweiligen Pferd ab. Nicht passende Sattelbäume können NICHT durch eine entsprechende Polsterung korrigiert werden!
Foto: Beatrix Schulte WienAuch die Weite des Sattelkanals ist von Bedeutung: Der Minimalabstand zwischen den beiden Sattelkissen muss auf der kompletten Sattellänge mindestens 7-8 cm betragen. Die Ortsspitzen des Sattelbaums dürfen nie nach vorne gerichtet sein, sondern müssen vertikal Richtung Boden zeigen. Andernfalls wird die Bewegung der Schulter erheblich eingeschränkt. Die Sattelkissen müssen von homogener, weicher Beschaffenheit sein, damit sie sich horizontal und lateral perfekt dem Pferderücken anpassen können. Nähte, Kanten und scharfe Abschlüsse dürfen das Pferd nicht berühren.
Das Kopfeisen muss so geformt sein, dass es sowohl im oberen Widerristbereich als auch bei den Ortsspitzen hinter dem Schulterbereich genügend Bewegungsfreiheit bietet. Auch die Gurtlage ist von immenser Bedeutung für die korrekte Lage des Sattels: Der Ansatzpunkt der Gurtstrupfen am Sattel sollte der Schwerkraftlinie des Reiters entsprechen. Eine Begurtung, die zu weit vorne ansetzt, drückt den Sattel im Zweifel auf die Schulter bzw. lässt eine entsprechend erforderliche Schulterfreiheit gar nicht erst zu.
Ein zu weit hinten angesetzter Gurt bewirkt einen starken Druck der Sattelkisten in die Sattellage – die Kissen können sich förmlich in die Muskulatur bohren, der Muskel wird in seiner Arbeit eingeschränkt und kann dadurch nicht aufgebaut werden.
Die Vorhandlastigekeit des PferdesDie Vorhandlastigkeit des Pferdes dokumentiert sich durch das Reiten ohne Sattel – der Reiter wird deutlich nach vorne Richtung Widerrist gesetzt Daraus ergibt sich, dass der Reiter auf der Fläche direkt hinter dem Schulterblatt, die sog. Sattellage, am besten für das Pferd zu ertragen ist Die Vorhandlastigkeit und deren Folgen für das Pferd sind inzwischen auch durch Studien belegt worden: Es wurde festgestellt, dass Pferde in freier Wildbahn deutlich häufiger an Arthrosen der Vorhand leiden, als domestizierte Pferde. Dies belegt, dass die Arbeit mit dem Pferd immer die Aufrichtung aus der Hinterhand zum Ziel haben sollte.
Der weggedrückte Rücken – Ursachen und FolgenUm das Hinterbein zum Durchschwingen unter den Schwerpunkt zu veranlassen, ist ein passender Sattel, aber auch ein korrekter Reitersitz von unabdingbarer Bedeutung. Ein Rücken, der sich nicht aufwölbt, kann keinen Spielraum für das Durchschwingen des Hinterbeins gewähren. Die Folge eines weggedrückten Rückens sind Erkrankungen vielfältigster Art: Neben den inzwischen sehr bekannten und häufig auftretenden Kissing Spines sind auch überdehnte Bänder am Knie, Veränderungen am Sprunggelenk (Spat), Sehnenprobleme und Veränderungen an den Hufgelenken eine Konsequenz aus dem unzureichenden Training.
Der weggedrückte Rücken eines Pferdes ist deshalb so nachteilig, weil dadurch Auswirkungen auf die Anatomie und Haltung des Pferdes zu beobachten sind: Die Dornfortsätze können sich nicht aufstellen, sondern werden im Gegenteil stark gegeneinander geschoben. Das Hinterbein ist nicht in der Lage, nach vorne zu schwingen, sondern zeigt im Gegenteil eine Tendenz nach hinten. Der erste Halswirbel kann nicht mehr der höchste Punkt des Genicks sein, da der durchgedrückte Rücken ein Aufwölben des Halses verhindert („Flitzebogen-ähnliche Wirbelsäule“).
Foto: Beatrix Schulte WienAber nicht nur ein fehlerhafter Reitstil kann (alleiniger) Auslöser für die Rückenproblematik eines Pferdes sein. Ein falsch konstruierter, nicht nach dem Parameter der Gravitation konstruierter Sattel verursacht in der Mehrzahl der Fälle die meisten Sitzfehler in der Beckenpositionierung. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Händigkeit und Schiefe des Pferdes: Die Erfahrung zeigt, dass die Händigkeit von Pferden häufig durch die Händigkeit des Reiters verursacht wird. Die linke Spina eines typischen Rechtshänders liegt durchschnittlich 1-2 cm höher als die rechte Spina. Als Kompensation knickt der Reiter in der linken Hüfte unter gleichzeitiger Rotation des Beckens nach hinten. Die Folge: Der Sattel wird gegen die linke Seite der Wirbelsäule in Richtung rechtes Hinterbein gedrückt. Das Pferd wird auf diese Weise gezwungen, auf die rechte Schulter zu fallen und das linke Hinterbein zur Kompensation nach links zu bewegen.
Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis: Nicht nur der Sattel allein kann für die Gehfreude eines Pferdes von immensen Einfluss sein, das Zusammenspiel von Sattel und Bewegungsgefühl des Reiters sind die massgeblichen Faktoren hierfür!
Ein weiterer, interessanter Aspekt, den es bei der Beurteilung eines Sattels zu beachten gilt, ist die Materialauswahl des Sattelbaumes: Bei einem Springsattel wird ein Kunststoffbaum nicht empfohlen, da dieser beim Absprung aber vor allem bei der Landung des Pferdes nachwippt.
Darüber hinaus geht Beatrix Schulte Wien in ihrem Vortrag auch auf unterschiedliche Füllmaterialien ein: Flexibles Füllmaterial wird aufgrund seiner Eigenschwingung als nachteilig eingeschätzt, da die Hilfengebung weniger präzise an das Pferd kommuniziert werden kann.
Der Vortrag „Der Sattel – Bindeglied zwischen Pferd und Reiter“ von Beatrix Schulte Wien wird am Donnerstag, den 22. November 2007 auf der Reitanlage des Ausbildungsstall Grafenberg bei Metzingen wiederholt.
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