„Wir müssen uns noch mehr um die Jüngsten im Pferdesport kümmern“

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„Wir müssen uns noch mehr um die Jüngsten im Pferdesport kümmern“

Beitragvon News-Moderator » 16.11.2011 11:38

Monheim (fn-press). Zu seiner jährlichen Tagung traf sich der Bundesjugendausschuss der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) in Monheim. Neben einer Besichtigung der nahe gelegenen Landes-Reit- und Fahrschule Rheinland in Langenfeld hatten die Teilnehmer vor allem eine umfangreiche Tagesordnung abzuarbeiten. Dabei kamen nicht nur die Bundestrainer mit ihrer Saisonnachlese und der Planung für 2012 zu Wort. Zentrales Thema dieser Jahrestagung war vielmehr die Frage: Wie können wir dem demografischen Wandel entgegensteuern und auch weiterhin Kinder und Jugendliche für den Pferdesport begeistern?

Seit dem Jahr 2004 ist die Zahl der Jugendlichen im organisierten Pferdesport um 6,3 Prozent zurückgegangen, die Altersklassen 15 bis 18 sowie 19 bis 26 Jahre schrumpften um mehr als 3,5 Prozent. „Gerade die Gruppe der unter 14-Jährigen erlangt eine steigende Relevanz. Durch den gesellschaftlichen Wandel bekommen wir immer neue Handlungsfelder. Wir müssen uns noch mehr um die jüngeren Kinder kümmern“, sagte Bundesjugendwartin Heidi van Thiel (Essen).

Um die Jüngsten ans Pferd zu bringen, bedarf es allerdings des passenden „Vierbeiners“. In einem Filmbeitrag zeigten Maria Schierhölter-Otte, Leiterin der FN-Abteilung Jugend, und Monika Schröter, Nachwuchsführungskraft in der FN-Abteilung Ausbildung, was sie im Pferdesportzentrum der französischen FN in Lamotte Beuvron zu sehen bekommen hatten: den massenhaften Einsatz von Shetlandponys vom spielerischen Reitunterricht bis hin zum anspruchsvollen Geländeritt. „Kaufen konnte man leider keinen von diesen Shettys. Alle werden in den Vereinen selbst gezüchtet, von den älteren Kindern ausgebildet und sind irgendwann einfach ‚unbezahlbar’“, bedauerte Monika Schröter. Im Unterschied zu Deutschland wird im französischen Ausbildungssystem zu Beginn mehr Wert auf „Sattelfestigkeit“, Balance und Vertrauen, gelegt, als darauf, ein Pferd korrekt „an den Zügel zu reiten“. „Es gibt viel mehr Angebote unterhalb der Klasse E, auch an Abzeichen. Und auch was die pädagogische Ausbildung der Ausbilder angeht, sind die Franzosen uns voraus. Hier können wir uns einiges abschauen“, sagte Maria Schierhölter-Otte im Hinblick auf die neue Ausbildungs-Prüfungs-Ordnung, die derzeit überarbeitet wird und 2014 in Kraft treten soll.

Dass es nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland gute Beispiele in Sachen Ponysport gibt, zeigt das Beispiel Weser-Ems. Landesjugendwart Bernd Menke (Oldenburg) und Gesa Müller aus Ovelgönne stellten die Pony-Spiel-Liga ihres Verbandes vor, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Im Laufe der Zeit hat sich ein ausgeklügeltes System mit Spielen wie Slalomstaffel, Becher versetzen, Kartoffel-, Flaggen-, Sack- und Eimerrennen etabliert. Höchstalter, Größenverhältnis zwischen Reiter und Pony, Ausrüstung und Ablauf der Spiele sind genau geregelt und tragen dazu bei, dass die Sache für Pony und Reiter vor allem eines macht: Spaß. Das belegen auch die Zahlen. Von 2004 bis heute stieg die Zahl der Mannschaften von 47 auf 92, wobei die Nachfrage besonders im Raum Oldenburg so groß ist, das die dortige Liga in Nord und Süd geteilt werden musste.

Der Versuch, die Ponyliga à la Weser-Ems eins zu eins auf Bundesebene zu übertragen, ist allerdings nicht gelungen. Zwar gibt es die Anfang der 90er Jahre von der FN ausgeschriebenen „Bundesponyspiele“ noch, doch die Beteiligung aus den anderen Verbandsbereichen war eher schleppend. Inzwischen hat sich auch diese Prüfung weiterentwickelt, hin zu einer Vorstufe für die „Goldene Schärpe“ der Ponyreiter, in deren Rahmen die Bundesponyspiele ausgetragen werden. In ihrer aktuellen Form beinhalten sie neben einem spielerischen Fitness- und Theorietest, einen Geländeteil inklusive Tempofeeling-Prüfung sowie einen traditionellen Spiele-Teil zum Überprüfen der Sattelfestigkeit. „Diese Prüfung ist eine tolle Motivation für jüngere Geschwisterkinder der Schärpenreiter oder für diejenigen, die den Anforderungen noch nicht entsprechen. Und natürlich auch für die Eltern, die dabei auch gleich beobachten können, wie der hoffentlich nächste Schritt in der reiterlichen Entwicklung aussieht“, machte die hessische Landesjugendwartin Silvia Balduff (Twistetal) in Monheim Werbung für die Bundesponyspiele. Die Goldene Schärpe der Ponyreiter findet im kommenden Jahr in ihrem Verbandsbereich statt, vom 7. bis 9. September in Lauterbach.

Bekenntnis zur Allgemeinen Jugendarbeit
Ein Weg, Kinder und Jugendliche nicht nur für das Pferd, sondern auch für den organisierten Pferdesport zu gewinnen, ist die Allgemeine Jugendarbeit. Laut Definition einer im vergangenen Jahr gegründeten Arbeitsgruppe handelt es sich dabei „um sämtliche Aktivitäten, die der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen bis 26 Jahre dienen und einen Bezug auf alle Facetten des Pferdesports haben.“ Anders als in den Landessportbünden und im Vergleich zum Pferdeleistungssport gibt es für dieses Aufgabenfeld allerdings noch keine festen Strukturen. Je nach Interessenslage und personeller Besetzung läuft in einigen Verbänden viel, in anderen wenig. Im Rahmen der Jugendausschuss-Sitzung bekräftigten die Vertreter aller Landesverbände einhellig die zunehmende Bedeutung der Allgemeinen Jugendarbeit und kündigten an, sich künftig intensiver mit dem Thema befassen zu wollen.

Ein gelungenes Beispiel für „Allgemeine Jugendarbeit“ stellte der auf diesem Gebiet bereits seit Jahren rührige Pferdesportverband Westfalen vor. Eine seiner jüngsten Aktivitäten heißt „Play Fair“. Das Projekt geht aus einem Themenabend bei einem Kongress der westfälischen Pferdesportjugend im Frühjahr in Hachen hervor. Dort hatten sich die Jugendlichen intensiv mit unterschiedlichen Aspekten von Fair Play, Verantwortung gegenüber Mensch und Pferd, Horsemanship und Wertschätzung auseinander gesetzt. Das Thema wurde dann in der Westfalen-Woche und bei den Deutschen Jugendmeisterschaften wieder aufgenommen. Bei ausgewählten Prüfungen hielten die Jugendlichen gemeinsam Ausschau nach Reitern, die durch ein besonders hohes Maß an „Play Fair“ auffallen. „Dabei wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Jugendlichen diskutierten über Verhaltensweisen, die so nicht akzeptiert werden können und überdachten dabei fast unbemerkt auch ihren eigenen Umgang mit dem Pferd“, sagte PV-Geschäftsführerin Brigitte Hein.

Ein geeignetes Werkzeug für den Einsatz in der Allgemeinen Jugendarbeit ist auch der Lehrmittelkoffer „Fairness und Ethik im Pferdesport“ mit umfangreichen Informations- und Arbeitsmaterial wie der Broschüre „Ethik im Jugendunterricht“, Spielen, Poster, DVD, Filmen, Buttons und Aufklebern. Was sich dahinter verbirgt, erläuterte die Sportwissenschaftlerin und Journalistin Dr. Britta Schöffmann, die als Mitglied des „Arbeitskreises Lehrmittelkoffer“ aktiv an Konzeption und Herstellung des Koffers beteiligt war. Die erzieherischen Anforderungen an Schule und Gesellschaft, also auch an den Reitsport, seien heute massiv gewachsen, betonte Dr. Schöffmann. „Es reicht nicht mehr, allein Reiten zu lehren.“ Bereits über tausend Mal wurde der Koffer bereits nachgefragt und die erste Resonanz belegt, dass solches Arbeitsmaterial bislang in vielen Vereinen fehlte.

Gerade erst wurde der Inhalt des Lehrmittelkoffers um die Broschüre „Platzverweis“ ergänzt, erstellt vom Verein „Zartbitter“ aus Köln, einer Kontakt- und Informationsstelle für den Schutz gegen Missbrauch in Institutionen und Familien. „Das Thema sexualisierte Gewalt macht leider auch vor dem Sport und auch nicht vor dem Pferdesport nicht Halt. Mit der Broschüre wollen wir dazu beitragen, aufzuklären und vorzubeugen“, sagte Heidi van Thiel. Die Broschüre gibt Mädchen und Jungen Verhaltenstipps gegen sexuelle Übergriffe im Sport. Betroffene erfahren darin, dass Hilfe holen kein „Petzen“ und kein „Verrat“ ist und sie ein Recht darauf haben, nein zu sagen, fair und gerecht behandelt zu werden. Zwar entspricht nicht jede Grenzüberschreitung einem Straftatbestand, aber auch Worte, Blicke und Berührungen können verletzend sein und sollten korrigiert werden. „Damit der Verein für Kinder und Jugendliche ein sicherer Ort ist“, sagte die „Zartbitter“-Vorsitzende Ursula Enders, die den Verein und seine Arbeit in Monheim vorstellte. Hb

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