Die „Rechenstelle“

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Die „Rechenstelle“

Beitragvon News-Moderator » 20.07.2010 17:04

Kentucky/USA (fn-press). Pferdesportexperten aus Deutschland sind bei den Weltreiterspielen in Kentucky/USA vom 25. September bis 10. Oktober stark gefragt. Ob am Richtertisch, in der Organisation oder an entscheidender Stelle hinter den Kulissen – deutsche Fachleute tragen mit ihrem Knowhow zum Gelingen des hippologischen Mammutevents bei. So auch die „Rechenstelle“ alias Peter Janssen (Goch) und Theo Nothofer (Kamp-Lintfort), die für aktuelle Starter- und Ergebnislisten in der Vielseitigkeit sorgt.

Wir sind es so gewohnt: Der Blick auf die große Anzeigentafel oder den Fernseher zeigt den Namen von Reiter und Pferd. Die Uhr läuft. Die Spannung steigt. Da, ein Fehler! Fast im selben Moment erhöht sich die Strafpunktezahl auf der Mattscheibe. Doch wie funktioniert das eigentlich? Wer sorgt dafür, dass wir als Zuschauer vor Ort, als Journalisten im Pressezentrum oder zuhause vor dem Bildschirm immer über den neuesten Stand der Prüfung informiert sind? In Kentucky ist es – wie übrigens auch beim CHIO in Aachen – die niederländische Firma SCG, eine der größten Sportgraphikanbieter weltweit, die für die aktuelle Ergebniserfassung und -übertragung sorgt. Das Rechnen im Hintergrund machen aber andere, zumindest in einigen Disziplinen. In der Vielseitigkeit wird das deutsche Team Janssen Nothofer, besser bekannt unter dem Namen „Rechenstelle“, am Computer sitzen. „In Kentucky selbst gibt es dank des traditionellen CCI**** zwar ein eigenes Rechenteam, aber die Daten sind wohl nicht kompatibel mit denen von SCG. Da haben sie uns gefragt“, berichtet Peter Janssen. Schließlich kennt man sich schon seit den WEG in Aachen 2006 und arbeitet seither eng und gut zusammen.

Der Einsatz bei den Vielseitigkeits-WM 2006 in Aachen war der bisherige Höhepunkt in der Geschichte der „Rechenstelle“. Begonnen hat alles Anfang der 80er Jahre, als Peter Janssen, damals noch selbst aktiver Fahrer, oft vom Turnier nach Hause fuhr, „ohne so genau zu wissen, wer eigentlich gewonnen hat.“ Mit Hilfe des C64 (der erste Heimcomputer der damaligen Zeit!) seines Sohnes, in dessen Funktionsweise sich der kaufmännische Angestellte autodidaktisch einarbeitete, entwickelte er ein erstes Rechenprogramm für Vielseitigkeits- und Fahrturniere.

Bald schon bekam man beim Landesverband Rheinland Wind davon, dass es da in Goch einen gibt, der Vielseitigkeitsprüfungen per Computer rechnen kann – und damit viel Zeit spart. So fuhr Peter Janssen immer öfter zum Turnier. Und irgendwann kam, was kommen musste. Am selben Wochenende fanden zwei Turniere gleichzeitig statt. Was tun? Ein zweiter Mann musste her. In dem Vermessungsingenieur Theo Nothofer aus Kamp-Lintfort fand Janssen den geeigneten Partner. „An drei langen Abenden hat mir Peter erklärt, wie das Programm funktioniert, so dass ich an dem besagten Wochenende bei uns in Kamp-Lintfort selbst das Rechnen übernehmen konnte“, sagt Nothofer. Das war die Geburtsstunde des Teams Nothofer Jansen.

Wie Peter Janssen, der aus einer Züchterfamilie stammt, hat auch Theo Nothofer von Kind an mit Pferden zu tun. Gemeinsam mit seinem Bruder Karl-Heinz Nothofer führt er in Kamp-Lintfort den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb mit Pensionspferdehaltung und Pferdezucht und ist Vater einer erfolgreichen Vielseitigkeitsreiterin. Gemeinsam entwickelte das Duo die „Rechenstelle“ weiter und schon bald folgte der erste Einsatz bei einem internationalen Turnier auf dem Bonner Rodderberg und bei einem Jugend-Championat (EM Junioren in Wesel-Obrighoven).

Im Jahr 2002 – zwischenzeitlich verstärkt durch Andreas Wetzels – feierte die „Rechenstelle“ ihren ersten Auslandseinsatz. Frans van Meggelen, der „Macher“ von Boekelo, war in Bonn auf das Team aufmerksam geworden und holte sie nach Holland. Von dort wurde es weitergereicht zur EM in Punchestown/Irland, zu den WM der jungen Vielseitigkeitspferde in Lion d’Angers und zum französischen Traditionsturnier in Saumur. „Wir haben nie Werbung gemacht. Bisher sind wir immer angesprochen worden“, sagt Janssen.

Um die Jahrtausendwende entstand der Gedanke: „Wir müssen was mit dem Internet machen.“ Zur allgemeinen Überraschung war die Adresse www.rechenstelle.de noch zu haben und die Rheinländer schlugen zu. Anfänglich wurden die Starter- und Ergebnislisten nur als pdf-Datei eingestellt – mühsam per Handyverbindung zum Internet. Heute ist die regelmäßige Online-Aktualisierung Standard und wird gerade von der neuesten Entwicklung abgelöst, dem Liveticker. Dieser bietet nicht nur die reinen Ergebnisse, sondern auch wichtige Zusatzinformationen. Wie setzt sich die Dressurnote zusammen, an welchem Hindernis hatte der Reiter einen Fehler und wie war die gebrauchte Zeit? Ein Service, der mit Hilfe von SCG möglich wurde und der nach der erfolgreichen Erprobung beim CCI**** Luhmühlen nun auch bei den WM in Kentucky zum Einsatz kommen soll.

Flexibilität und die Bereitschaft, bei seiner Arbeit allen möglichen Sonderwünschen von Offiziellen und Technischen Delegierten gerecht zu werden, sind ebenso ein Markenzeichen des „Rechenstelle“-Teams wie die große Ruhe, das es selbst im hektischsten Turnierbetrieb ausstrahlt. Seinem ersten USA-Einsatz sieht es daher gelassen entgegen. Auch wenn sich der geplante Testlauf in diesem Frühjahr im wahrsten Sinne des Wortes in Rauch auflöste: Er fiel der Aschewolke über Island zum Opfer, die just zu dieser Zeit den Flugverkehr zwischen Europa und den Staaten lahm legte.
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